EM St. Wendel: Kurioser U23-Titelgewinn für Ferrand Prevot – Helen Grobert jubelt über Bronze

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Helen Grobert stürmte am Start vorne weg ©Erhard Goller

Die dritte Medaille für den Bund Deutscher Radfahrer und das wohl kurioseste U23-Rennen der Damen, das es im Mountainbike jemals gegeben hat. Bei der EM in St. Wendel gewann Favoritin Pauline Ferrand Prevot (Liv Pro XC) aus Frankreich vor ihrer Schweizer Teamkollegin Jolanda Neff. Der Verlauf des Rennens war allerdings völlig ungewöhnlich und keine 200 Meter vor dem Ziel touchierten sich die beiden und stürzten. Ferrand Prevot gewann schließlich in 1:25:23 Stunden mit elf Sekunden Vorsprung.
Helen Grobert (Focus XC) holte völlig überraschend die Bronzemedaille (+0:29).

Es hätte wohl niemand geglaubt, dass das U23-Rennen der Damen so viel Zündstoff in sich bergen würde und auch nicht, dass die deutschen Biker bei der Heim-EM eine dritte Medaille gewinnen würden.

Der Rennverlauf, wenn man ihn vom Kampf um den Sieg aus betrachtet, war so kurios, dass man sich nicht dran erinnern kann, so was in einem MTB-Rennen schon mal gesehen zu haben.
Dass Pauline Ferrand Prevot, nach zwei hoch überlegenen Weltcupsiegen in Nove Mesto und in Albstadt – in der Elite-Kategorie wohlgemerkt – und die (Elite-)Weltcup-Siegerin von Pietermaritzburg, Jolanda Neff eine Klasse für sich sein würden, davon war auszugehen.
Dass sich die beiden Liv-Teamkollegen so uneinig sein würden, während des Rennens und erst recht danach, damit war indes nicht zu rechnen. Nach einer von vier Runden lag das Duo wie erwartet schon eine Minute vorne.

Doch dann begannen Stehversuche. „Pauline hat versucht mich abzuhängen und hat es nicht geschafft. Dann wollte keine von uns die Führung übernehmen. Ich wollte es auf einen Sprint ankommen lassen“, erklärte Jolanda Neff im Ziel, wie es dazu kam, dass eine fünfköpfige Verfolgergruppe nach zwei Runden wieder aufschließen konnte.

Mitglied dieser Gruppe war auch Helen Grobert. Die Remetschwielerin und ihre Gefährtinnen wurden von den beiden Favoritinnen am nächsten Anstieg aber wieder etwas abgehängt. Die Spielereien waren damit aber immer noch nicht vorbei.

Als es in die letzte Runde ging, führte Helen Grobert eine jetzt fünf Fahrerinnen starke Spitzengruppe an und bei Pauline Ferrand Prevot war eine säuerliche Miene fest zu stellen.
Jolanda Neff und Pauline Ferrand Prevot, sich ihrer Überlegenheit bewusst, kümmerten sich nicht besonders um die Konkurrentinnen und gaben wieder Gas. Lisa Rabensteiner folgte und auch Helen Grobert konnte Anschluss halten, während Titelverteidigerin Yana Belomoina abreißen ließ.

Ein Crash vor dem Ziel – und die Schuldfrage bleibt ungeklärt
Die Schweizerin und die Französin blieben zusammen bis es 200 Meter vor dem Ziel zu einer Szene kam, die für jede Menge Diskussions-Stoff sorgte und die letzlich nicht vollständig aufgelöst werden konnte.
Auf einer Geraden griff Neff aus dem Windschatten heraus an und wollte links vorbei. „Diese Stelle hatte ich mir vorgenommen und ich war schon auf gleicher Höhe, als Pauline plötzlich auf meine Seite zog“, erklärte die Eidgenössin die Sache aus ihrer Sicht. „Sie hat mich abgedrängt und ich bin auf einen Pfosten drauf gefahren.“
Beide kamen zu Fall, doch bei Neff blieb Absperrband im Antrieb hängen, so dass sie nicht gleich weiter fahren konnte. Ferrand Prevot war schnell auf dem Bike und fuhr ins Ziel – mit hängendem Kopf.
„Solche Siege machen nicht glücklich“, sagte sie. „Da war kein Platz, wo Jolanda durch wollte. Das war kein guter Spirit.“
Ein Kommissär, der das Geschehen beobachtete, fand, dass da wenig Platz gewesen sei und weil dahinter ja eine Linkskurve kam, noch weniger.
Jolanda Neff beharrte auf ihrer Sicht der Dinge und benutzte die Vokabeln „unfair“ und „unsportlich“.

Eine glückliche Person im Zielraum: Helen Grobert!
Hinter diesem Zwist ging die großartige Vorstellung von Helen Grobert fast unter. Die Focus-Fahrerin holte sich nach Staffel-Silber binnen 24 Stunden die zweite Medaille und sie war mindestens so überraschend wie die vom Tag zuvor.
„Nach den Ergebnissen im Vorfeld wäre ein Top-Fünf-Ergebnis schon super gewesen. Die Staffel von gestern hat mich beflügelt und ich bin happy, dass ich alles so rüber gebracht habe, wie ich es mir vorgenommen habe. Es ist unglaublich, einfach geil.“
So fand man im Zielraum wenigstens eine glückliche Person.

Grobert ließ sich von den ständigen Positionswechseln und dem taktischen Geplänkel nicht aus der Ruhe bringen. „Ich habe einfach versucht meinen Rhythmus zu fahren“, erzählte Grobert.
Als es dann in die letzte Runde ging, behielt sie die Nerven. Im Duell mit Lisa Rabensteiner hätten ihr das Technik-Training mit Rene Schmidt geholfen. „In der technischen Passage habe ich die Lücke gegen Lisa gerissen“, schildert sie die Entscheidung.
18 Sekunden Vorsprung auf die Dritte von Albstadt bringt Grobert ins Ziel und wiederholt ihre Bronze-Medaille von 2013.
Die von St. Wendel ist sportlich allerdings weitaus wertvoller.

Lena Putz (Genesis) wird Zwölfte (+4:49) und ist damit nicht unzufrieden. „Die Strecke kam mir entgegen, weil die Anstiege nicht so steil waren. Ein bisschen technischer könnte sie sein, aber insgesamt hat mein Rennen gepasst“, so Lena Putz zu ihrem Resultat.

Majlen Müller (Fujibikes-Rockets) wird bei ihrer ersten U23-EM 23. (+15:03). Die Wuppertalerin muss den größten Teil der Distanz alleine bewältigen, was auf dem Kurs sehr viel Körner kostet.

Medaillenkandidatin Jenny Rissveds (Scott-Odlo) aus Schweden hat großes Pech. Sie scheidet nach einem Kettenriss am Start aus. „Es ist einfach nur traurig. Ich muss jetzt einen Neu-Aufbau machen und dann komme ich stärker wieder zurück“, sagte Rissveds.

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