Jolanda Neff: Studieren für die Balance

FOTO| Jolanda Neff ©Kühnis Brillen/Alex Bayer

Beim Swiss Bike Cup in Solothurn konnte Jolanda Neff vor 12 Tagen ihre seit 2014 währende Serie fortsetzen. Gerade noch so. Ansonsten fiel der Neffsche Frühjahrs-Siegeszug aus, den es 2016 und 2015 gab. Und es gibt einen guten Grund dafür. Die Weltranglisten-Erste hat sich an der Uni Zürich zum Studieren eingeschrieben und damit kalkuliert, dass die MTB-Saison nicht so laufen wird wie das in den vergangenen Jahren der Fall war. Möglicherweise auch am Samstag beim Weltcup-Auftakt in Nove Mesto nicht. Über die näheren Umstände, das Studentinnen-Leben, ihre WG und auch was im Olympia-Jahr ein Knackpunkt war, hat sie im Interview mit acrossthecountry.net Auskunft gegeben.

 

Jolanda, du hast dich im vergangenen Herbst in Zürich für ein Studium eingeschrieben. Wie lebt es sich als Studentin?

(Lacht). Ich bin vom Swiss Epic nach Hause gekommen und habe direkt am nächsten Tag angefangen zu Studieren. Es gefällt mir sehr gut, es ist sehr spannend und interessant. Natürlich ist es ein großer Aufwand, eine große Zeitinvestition. Das Radfahren ist immer noch Priorität Nummer eins, das was mir am meisten am Herzen liegt und Freude macht. Aber ich freue mich auch, dass ich mir den Luxus gegönnt habe in meine Bildung zu investieren. Es tut mir schon gut.

Der Aufwand hat Auswirkungen auf das Training, oder?

Ja, kurzfristig habe ich viel Zeit investiert und aufs Radfahren wird das eher eine verlangsamende Wirkung haben. Doch ich hoffe, dass ich langfristig einen guten Rhythmus finden kann.

Deine Studienfächer Geschichte, im Nebenfach Französisch und im zweiten Nebenfach Englisch, war das schon immer deine Zielrichtung?

Nein. Ich hatte nie eine konkrete Vorstellung von dem, was ich gerne studieren möchte. Die Kolleginnen, die mit mir das Gymnasium gemacht haben, sind fast schon fertig mit ihrem Studium.

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Was für den Kopf: Geschichte, Englisch, Französisch ©Andreas Dobslaff/EGO-Promotion

Anfangs hat mich noch Sport interessiert, aber ich habe mich nie wirklich mit einem Studium beschäftigt. Ich wollte Rad fahren und da gut sein. Den Gedanken habe ich weit weg geschoben. Aber irgendwann habe ich rausgefunden, dass ich für meinen Kopf noch irgendwas brauche und mir das gut tun würde.

Während der Schulzeit hatte ich eine schöne Balance in meinem Leben. Und irgendwas muss man ja studieren (lacht). Sprachen interessieren mich schon immer. Geschichte ist ein Fach, in dem man viel Lesen und Schreiben muss und das tu’ ich sehr gerne. Schreiben macht mir Spaß.

Gibt es denn einen Plan, zum Beispiel 2020 fertig zu sein, damit du ohne Handicap das Olympia-Jahr bestreiten kannst?
Ein Studium im hundertprozentigem Pensum dauert drei Jahre bis zum Bachelor. Das werde ich sicher nicht schaffen, da ich nicht zu hundert Prozent studiere. Ich rechne mit mindestens viereinhalb Jahren Studiendauer. Zum Glück kann ich meinen Stundenplan jedes Semester wieder neu zusammenstellen, so dass ich in meinem Tempo vorangehen kann. Vielleicht bin ich auch schon vor 2020 fertig, und sonst gibt es die Möglichkeit, dass ich im Jahr vor den Olympischen Spielen weniger Kurse besuche.

Du lebst in Zürich in einer WG mit zwei weiteren Bewohnern.

Ja, der eine ist ein Kinderarzt und die andere mit Simona Meiler eine Profi-Snowboarderin. Das war ein Zufall, aber es gefällt mir super gut dort. Ich fühle mich absolut wohl in der WG. Die halbe Woche bin ich in Zürich und dann geht es ja meist zu einem Event oder ich bin auch mal zuhause bei den Eltern.

Gibt es so was wie ein WG-Leben?

Ich bin so froh, dass ich einfach nach Hause kommen kann wie ich will. Jeder macht seinen eigenen Tag, wir machen eigentlich nie was aus. Trotzdem kommt es oft vor, dass wir gemeinsam Abendessen oder zusammen Frühstücken. Es ist extrem unkompliziert, man muss nichts planen, hat aber trotzdem jemand zum Reden. Es ist mega cool. Es gefällt mir wirklich ausgezeichnet.

2016 hattest du Probleme mit dem Rücken. Vor der WM in Nove Mesto und bei den Olympischen Spielen. Wie geht’s denn jetzt damit?

Die Probleme mit dem Rücken standen in Verbindung mit den Rippen. Weil die so lange Zeit gebraucht haben um zu verheilen. Ich habe in den vergangenen Jahren anfangs Saison schon mal Probleme mit dem Rücken, wenn ich ein neues Bike hatte. Aber nur in den ersten Wochen. Diesmal habe ich das Bike schon im November bekommen, deshalb ist diese Phase schon vorüber. Und die Rippe ist ja wieder verheilt. Im Moment geht es mir vom Rücken her tip top. Gesundheitlich geht es mir gut, den Heuschnupfen spüre ich im Frühjahr jeweils, doch bis jetzt hält er sich im Rahmen.

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Bergrunter kann sie das Studieren kompensieren: Jolanda Neff beim BiketheRock in Heubach ©Andreas Dobslaff/EGO-Promotion

 

Dass du nach der Auflösung des Stöckli Pro Teams beim Kross Racing Team in Polen gelandet bist, das hat vermutlich viel mit Maja Wloszczowska zu tun, mit der Du schon bei Giant gefahren bist, oder?

Ja, auf jeden Fall.

Und du fühlst dich dort gut aufgehoben?

Extrem gut. Das ist meine Wunschlösung. Ich hatte Ende Saison mit vielen Teams Kontakt, aber schlussendlich war Maja ausschlaggebend. Ich kenne sie von unserer gemeinsamen Zeit bei Giant, ich weiß wie sie tickt. Ich weiß, dass ich mich mit ihr im Team wohl fühle. Wir können uns beide gegenseitig weiter bringen, wir haben die gleiche Einstellung. Für mich war es wichtig, dass ich ein Team habe, in dem ich Freude habe am Radfahren. Es funktioniert super gut, sie sind schon mehrere Jahre zusammen, Physio und Mechaniker sind erstklassig.

Ein Blick auf die Saison 2017: wirst du deinen Titel als Marathon-Weltmeisterin verteidigen?

Ob ich ihn verteidigen werde oder nicht, das weiß ich noch nicht (lacht). Aber ich werde es versuchen. Die WM in Singen steht auf meinem Programm.

Vor zwei Jahren bist Du dort bei der Marathon-EM gestartet. Das war aber eher aus dem Bauch raus weil es nicht weit von deinem Heimatort entfernt ist. Wirst du die WM gezielter angehen?

Damals bin ich ja am Tag zuvor noch das Cross-Country-Rennen in Solothurn gefahren und dann nach Singen. Ich habe sicherlich was draus gelernt, vor allem über die Strecke (schmunzelt). Ich freue mich darauf, das Rennen noch mal zu fahren. Es ist auf jeden Fall jetzt schon geplant und nicht so ad hoc wie vor zwei Jahren. Es wird aber wohl der erste Marathon sein, den ich dieses Jahr fahre. Voriges Jahr bin ich ja vor der WM noch den Marathon in Riva gefahren.

Die Strecke beim Hegau Bike-Marathon besitzt ja schon eine spezielle Charakteristik, es ist oft ein taktisches Rennen dort.

Ja, sie ist auf jeden Fall ganz, ganz anders die vom vorigen Jahr in Frankreich. Aber ich finde es cool, dass ich sie bereits kenne. Es wird sicher ein ganz anderes Rennen werden. Aber jedes Bike-Rennen ist anders, aber es ist auch ein Mountainbike-Rennen und ich hoffe die Stärkste wird gewinnen.

Voriges Jahr bist du eine Woche vor der Cross-Country-WM die Marathon-WM gefahren. Im Nachhinein, war das eine kluge Entscheidung?

Also..ich fand meinen Plan gut. Ich habe den auch im Frühjahr getestet. Was halt nicht vorgesehen war, das war der Sturz in La Bresse. Die Auswirkungen auf die Rippen und alles. Das hat seine Auswirkungen bei der Cross-Country-WM gehabt. Das war natürlich schade, aber ich glaube das hat

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Das war der Knackpunkt: Der Sturz beim Weltcup in La Bresse, den sie trotzdem gewann, hatte Nachwirkungen bei der WM und vor Olympia stürzte Neff noch mal auf die gleiche Körperpartie ©Redbull.tv/Screenshot

gar nichts damit zu tun gehabt, dass ich vorher noch den Marathon gefahren bin oder nicht. Ohne den Sturz wäre das kein Problem gewesen. Mit dem Sturz hätte ich vielleicht mein Programm anpassen müssen. Als ich gesund war, hat der Plan funktioniert. Ich bin am Wochenende vor der Europameisterschaft in Riva gefahren, bin dann das Team-Rennen gefahren und dann das Einzelrennen. Das war alles binnen einer Woche und ich habe alle drei Rennen gewonnen. Wenn es da nicht funktioniert hätte, wäre ich die Marathon-WM auch nicht gefahren. Nach dem Sturz in La Bresse hätte ich vielleicht eine Anpassung gebraucht, aber, ich habe im Training keine Schmerzen gespürt. Deshalb kam es mir auch nicht in den Sinn. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Dieses Jahr kommt ja nach der Marathon-WM auch wieder ein Weltcup in Andorra.

Richtig. Und dann gleich noch ein Weltcup. Von der Belastung her wird es also ähnlich aussehen. Wichtig ist halt, dass ich gesund in diese Phase hinein gehen kann. Die Gesundheit muss auf jeden Fall stimmen. Das habe ich draus gelernt.

2017 dürfte die Cross-Country-WM die größte Priorität genießen, oder?

Auf jeden Fall. Das ist das große Ziel dieses Jahr. Ich fahre dieses Jahr auch keine Straßenrennen, nur Mountainbike-Rennen. Von daher ist die Cross-Country-WM der Höhepunkt vom Jahr. 2016 habe ich im Weltcup ja die Hälfte ausgelassen. 2017 werde ich den ganzen Weltcup fahren, da freue ich mich schon drauf.

 

Nachtrag: Wie schwierig es sein kann, das Leben einer Studierenden mit dem Sport und einem gewissen Promi-Status in Einklang zu bringen, das veranschaulicht auch das Video „A Normal Jolanda Day“. Sollte Jolanda Neff am Samstag in Nove Mesto und eine Woche später in Albstadt nicht um den Sieg fahren können, dann findet sich in dieser filmischen Verdichtung vielleicht ein Teil der Erklärung.