Marathon-EM Sigulda Nachgedreht: Gemischte Gefühle und besondere Momente

Nachfolger von Jaroslav Kulhavy als Marathon-Europameister: Der Lette Peeter Pruus ©velo.lv
Nachfolger von Jaroslav Kulhavy als Marathon-Europameister: Der Lette Peeter Pruus ©velo.lv

 

Die eine oder andere Information von der Marathon-EM ist am Sonntag auf der Strecke geblieben. Zum Beispiel, wie der Dreikampf der Herren an der Spitze vielleicht aufgrund von falschen Informationen entschieden wurde, zum Beispiel wie aus „Silver Sally“ eine Goldene wurde und warum Tim Böhme schon zu einem frühen Zeitpunkt keine Rolle mehr spielte. Nachgedreht, was aus dem lettischen Sigulda noch nicht durchgedrungen war.

 

„Gemischte Gefühle“ gab Kristian Hynek (Topeak-Ergon) am Sonntagabend zu Protokoll. Sicher, er hatte eine Medaille gewonnen, seine dritte bei Europameisterschaften nach Gold 2012 und Bronze 2013. Doch das Treppchen hatte noch zwei Stufen mehr, die er hätte erklimmen können.

Die Situation in der dreiköpfigen Spitzengruppe beschrieb Hynek so: „Der Peeter Pruus hat praktisch keine Führungsarbeit gemacht. Er hat zwar immer angekündigt, dass er uns auf den Flachpassagen helfen wird, doch er hat das dann nicht gemacht. Zum Schluss ist auch Tiago keine Führung mehr gefahren.“

Warum er selber nicht auch ein wenig gepokert hat, erklärt der Tscheche mit einer falschen Information. „Uns hat man gesagt, die Verfolger wären nur 50 Sekunden hinter uns. Ich wollte die Medaille nicht riskieren und habe mich entschieden weiter Druck zu machen“, erzählte Hynek.

Tatsächlich waren es aber mehrere Minuten. Simon Stiebjahn sprach von vier Minuten als er knapp 20 Kilometer vor dem Ziel aus der sechsköpfigen Verfolgergruppe wegfuhr.

So hatte Kristian Hynek einige Körner mehr verbraucht als seine beiden Kontrahenten, als es ein Kilometer vor dem Ziel in den Schluss-Anstieg ging. Vielleicht 700 Meter vor der Ziellinie musste er Pruus (Rietumu-Delfin) und Ferreira (Protek) ziehen lassen.

„Man kann es sehen wie man will. Jeder versucht eben das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen. Pruus wusste, dass er im Sprint stark sein wird, also hat er Kräfte gespart. Was mich dennoch froh macht, ist die Tatsache, dass meine Form auf dem richtigen Weg ist“, so Hynek. Dass er ganz langsam Luft verloren hatte und am Ende nur noch wenig im Reifen hatte, das wollte er nicht als entscheidenden Faktor ansehen.

*****

Neben der falschen Information war da noch ein anderer Umstand, der Topeak-Ergon möglicherweise die Chance auf den zweiten Titel an diesem Tag gekostet hat. Von der Situation als die Spitzengruppe entstand, hatte sich Hynek eigentlich was anderes erhofft. Nämlich, dass Teamkollege Alban Lakata mit dabei wäre.

Doch der steckte hinter dem Letten Martins Blums fest, vor dem sich die Lücke auftat. „Ich bin etwas festgesessen“, berichtete Lakata. Weil vorne Teamkollege Hynek am Wirken war, musste sich Lakata zurückhalten.

Und da die Strecke nur wenig Steigungen bot, in denen eine Attacke möglich war, musste der Weltmeister lange warten, ehe sich die Gelegenheit bot anzugreifen mit dem Versuch alleine wegzuspringen. „Da war der Abstand schon auf zweieinhalb Minuten angewachsen“, so Lakata. Bei Anstiegen, die maximal drei Minuten dauerten, ist es schwer den Unterschied zu machen und so schaffte es der Österreicher auch nicht seine fünf Begleiter zurückzulassen.

„Ich bin ziemlich frustriert, denn meine Form ist sehr gut“, bekannte Lakata, der am Ende Sechster wurde. „Mein Ehrgeiz wird dadurch nur noch größer, aber momentan ärgert mich die vertane Chance.“

 Huber_Lakata_Marathon-EM16_Sigulda_finish_by Team Bulls.
Urs Huber und im Hintergrund Alban Lakata auf den Plätzen fünf und sechs ©Team Bulls

 

Das Bulls-Trio war bereits früh im Rennen auf zwei Fahrer reduziert. Tim Böhme wurde in der hektischen Anfangsphase durch einen Konkurrenten aufgehalten, der sich vor ihm ablegte. Es entstand eine Lücke und weil an der Spitze das Tempo hochgehalten wurde, schaffte es der Deutsche Ex-Meister nicht mehr die Lücke zu schließen.

Urs Huber fehlten die langen Anstiege, um seine Qualitäten auszuspielen. Er verrichtete in der Verfolgergruppe viel Arbeit und gewann schließlich den Sprint um Rang fünf.

*****

Christoph Soukup (Texpa-Simplon) war auch einer der Fahrer, die bei der entscheidenden Attacke nicht gut genug positioniert waren, um überhaupt reagieren zu können. Soukup war dann hinter der Verfolgergruppe erst mal auf sich alleine gestellt und als er eine Gruppe erwischte, wollte da auch keiner am Gashahn drehen, so dass der Abstand zur Stiebjahn-Lakata-Gruppe anwuchs.

Im Finale gab Soukup Gas, wurde noch vom Letten Petersons Arnis passiert und landete schließlich auf Rang elf.

Das war ein wirklich taktisches und hartes Rennen heute. Eigentlich lief alles nach Plan, aber wenn man im falschen Moment nicht aufpasst, geht die entscheidende Attacke ohne einen weg. Ich war dann schon etwas enttäuscht, dass unsere Verfolgergruppe nicht lief. Aber ich kann trotzdem zufrieden sein: Ich hatte keinen Hänger und mein Betreuer hat einen perfekten Job gemacht.“, wird Soukup in einer Pressemitteilung seines Teams zitiert.

*****

A propos Lette: Im Vorfeld hatte man bei den Profis aus Mittel-Europa schon mit Schaudern an die EM 2009 in Tartu, Estland gedacht. Damals holten mit Allan Oras, Kalle Krit und Caspar Austa drei Esten die Medaillen. So flach wie damals waren die 103 Kilometer in Sigulda nicht und an der Organisation der EM an sich, gab es wohl auch nichts auszusetzen. Sogar einen Livestream boten die Veranstalter an.

Dass der Sieger aus Estland kommt und für ein lettisches Team fährt, drei  Letten unter die Top-Ten kamen liegt vielleicht auch an der Fokussierung Fokussierung auf die Heim-EM, anderseits aber auch mit dem Umstand, dass etliche starke Mittel-Europäer die EM ausgelassen haben. Zum Beispiel die Italiener komplett, Centurion-Vaude, außer Huber alle Schweizer und so weiter.

Ob der Name Peeter Pruus in diesem Jahr, bzw. in den kommenden Monaten und Jahren auch bei anderen großen Marathons auftauchen wird, muss man abwarten. Die Letten haben aus dem Baltikum zu den Klassikern in Deutschland, Italien, Schweiz, Österreich eben den gleichen Anreise-Weg wie umgekehrt.

Von den drei Esten hat man nach 2009 in Mitteleuropa jedenfalls nichts mehr gehört.

 Stenerhag_Bigham_Sosna.
Damen-Podium mit Pötten von östlichem Charme:  Jennie Stenerhag, Sally Bigham und Katazina Sosna ©Twitter Sally Bigham

 

Bighams lange Flucht: Ein Risiko mit Happy-End

Sally Bigham hat endlich den Titel, den sie sich über Jahre hinweg verdient hat. Die Britin von Topeak-Ergon hatte man ja schon „Silver Sally“ getauft weil sie viermal EM-Silber und einmal WM-Silber, aber noch nie einen internationalen Titel gewonnen hatte.

Sie ergriff bereits nach 20 von 80 Kilometern die Flucht. Vorher hatte sie schon beobachtet, dass sie am Berg die Stärkste war und nahm das Wagnis von 60 Kilometer Solo-Fahrt auf sich. „Es war ein Risiko, auch weil es heute sehr windig war, aber ich wollte diesen Titel unbedingt“, bekannte Bigham am Abend. Doch nachdem der Vorsprung rasch anwuchs, zog sie durch.

Sicher sei sie sich nie gewesen. Ein Defekt hätte den Traum von Gold schnell platzen lassen können.

Erst als sie sich im Zuschauer-Spalier in den oben beschriebenen letzten Anstieg begab, ließ sie die Emotionen wirken und genoss die letzten Meter auf der Zielgeraden. „Das war ein sehr besonderer Moment, einfach großartig und sehr emotional“, beschrieb Bigham die Minuten, in denen der erste Titel Wirklichkeit wurde. „Keine Silver Sally mehr“, meinte sie genüsslich.