Marathon-EM Singen: Sensationelles Silber für Sascha Weber – Kulhavy gelingt historischer Erfolg

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Jaroslav Kulhavy führt das Spitzentrio in den Asphalt-Anstieg bei Weiterdingen. Hinter ihm Sascha Weber und Kristian Hynek ©Erhard Goller
Happy-End nach fast 90 Kilometer Flucht: Jaroslav Kulhavy (Specialized Racing) gewinnt beim Rothaus Hegau Bike-Marathon EM-Gold, sechs Sekunden vor der faustdicken Überraschung Sascha Weber (Orbea-smp). Bronze geht an Topeak-Ergon-Biker Alban Lakata vor seinem Teamkollegen Robert Mennen.

Es ist ein historischer Erfolg für Jaroslav Kulhavy. „Das war der letzte Titel, der mir noch gefehlt hat“, sagt der Tscheche im Ziel mit einem genüsslichen Schmunzeln.
EM- und WM-Titel auf der Langdistanz, Cross-Country-Weltcup-Sieger, -Weltmeister, -Europameister und Olympiasieger. Das ist vor ihm noch niemandem gelungen und dass er diese Bouquet in Singen komplettieren konnte, das war nichts anderes als völlig verdient.

Wer fast 90 von 98 Kilometern ein Rennen dominiert, dem muss man den Titel einfach gönnen. Karl Platt (Team Bulls) hatte im Vorfeld dieses mögliche Drehbuch in den Raum gestellt, aber nur einen Protagonisten gesehen, der das auch umsetzen kann: Jaroslav Kulhavy.

Und genau so kam es: Es war der Tscheche, der sich in einer matschigen Singletrail-Passage nach gut zehn Kilometern an die Spitze setzte, sein Landsmann Kristian Hynek (Topeak-Ergon) folgte und auch Sascha Weber (Orbea-smp) vertraute auf seine Rennfahrer-Intuition. „Ich wusste, da muss ich dabei sein. Ich meine, bei einer EM geht es um Medaillen, was sollst Du da warten“, erklärte Außenseiter Weber später.

So entstand eine dreiköpfige Spitzengruppe, die mehr und mehr Vorsprung herausfahren konnte. Nach den ersten 49 Kilometern fiel eine erste Entscheidung. Pechvogel Kristian Hynek hatte Probleme mit seinem Klick-Pedal. „Ich bin immer wieder rausgerutscht und ein paar Mal fast gestürzt“, erzählte er später. Er hielt an, mit dem Versuch durch Säubern das Pedal wieder in Ordnung zu bringen und verlor den Kontakt. Er wechselte danach noch das Pedal und hatte dann keine Chance mehr.

Kulhavy „wie ein Moped“
Der amtierende Marathon-Weltmeister Jaroslav Kulhavy vermisste vorne seinen Landsmann. „Wir haben uns abgewechselt in der Führung. So war es auf der zweiten Runde natürlich schwieriger. Aber ich war zuversichtlich weil ich gute Beine hatte und weil ich den vielen Flachpassagen einfach stark bin“, erklärte der Olympiasieger.

So blieb ihm nur Sascha Weber als Anhängsel. Der war für die Marathon-Spezialisten fast ein No-Name, aber als etatmäßiger Cross- und Straßenfahrer brachte der Saarländer alles mit, was man auf diesem welligen Kurs in der Vulkan-Landschaft benötigt.
„Ende erste und Anfang zweite Runde konnte ich Jaroslav noch ein wenig helfen, aber dann nicht mehr. Die letzten 15 Kilometer hatte ich Krämpfe, ich war auch nicht optimal verpflegt“, erklärte Weber. Und voller Respekt gegenüber dem neuen Europameister fügte er hinzu: „Der ist auf der Fläche gefahren wie ein Moped, unglaublich.“

Mit maximaler Übersetzung
Zwischendurch zweifelte er ein wenig. „Ich habe Jaroslav gefragt, ob die uns wohl wieder einholen. Aber er hat nur gemeint, er würde die größtmögliche Übersetzung fahren und durchtreten. Die können uns nicht mehr einholen“, erzählte Weber Kopf schüttelnd.

Kulhavy sollte Recht behalten. Weber schaffte es am „Moped“ dran zu bleiben und der Vorsprung wuchs auf zwischenzeitlich 3:15 Minuten. Einen Kilometer vor dem Ziel setzte sich Kulhavy leicht ab und fuhr nach 3:22:02 Stunden triumphierend über die Ziellinie.

Sascha Weber konnte seinen Parforce-Ritt zu EM-Silber gar nicht so recht einordnen. „Jaroslav war stärker, aber ich kann das nicht einschätzen. Ich wusste, ich habe mich gut vorbereitet, aber ich wusste ja nicht wie stark die anderen sind. Ich bin hier ganz entspannt angereist. Jetzt ist es Silber geworden, das war ein geiles Erlebnis und ich bin happy“, meinte Weber.
MTB-Bundestrainer Peter Schaupp hatte schon nach 15 Kilometern spekuliert. „Sascha hat sich ernsthaft vorbereitet, der kann das. Ich bin überzeugt, dass er dran bleiben kann.“ Der Experte sollte Recht behalten.

Lakata und Mennen in der Zwickmühle
Im Kampf um Bronze setzte sich schließlich Topeak-Ergon-Fahrer Alban Lakata durch (+2:05). Der Österreicher glaubt, dass von der Leistungsfähigkeit mehr drin gewesen wäre. „Dass wir den Zug verpasst haben, das hat mich die ganze Zeit geärgert. Ich hatte super Beine. Aber nachdem Kristian vorne war, konnten Robert (Mennen) und ich ja hinten schlecht Druck machen. Erst zum Schluss haben wir das dann getan“, erklärte Lakata die teamtaktische Zwickmühle.
Aus einer neunköpfigen Verfolgergruppe setzte sich Lakata am Plören ab und eroberte die Bronze-Medaille.

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Verfolgergruppe mit Lakata (ganz rechts), Urs Huber, Tiago Ferreira, Robert Mennen und Pedro Romero ©Erhard Goller

Robert Mennen, der erst einmal abreißen lassen musste, gelang es noch mal am Tschechen Jiri Novak und an Tiago Ferreira vorbei zu gehen und sogar Druck auf seinen Teamkollegen Lakata auszuüben. „Ich wusste, ich muss ganz schnell an denen vorbei, damit ich die nicht wieder zu Alban hinführe. Jetzt ist es für mich die Holzmedaille. Schade, aber ich bin froh, dass die Form so gut war und ich am Schluss sogar noch einen draufsetzen konnte. Ich war noch nie so nah an einer internationalen Medaille dran“, erklärte Mennen, der mit 2:17 Minuten Rückstand ins Ziel kam.

Lokalmatador Tim Böhme konnte schon zu einem frühen Zeitpunkt nicht mehr mithalten. Er war bereits nach 30 Kilometern nicht mehr in der Verfolgergruppe zu finden. Böhme war schon im Vorfeld skeptisch gewesen.
Drittbester Deutscher wurde Centurion-Vaude-Fahrer Markus Kaufmann aus Meckenbeuren auf Rang 14 (+6:35).

Titelverteidiger Christoph Sauser (Specialized Racing) lag in der Verfolgergruppe, als er wegen Defekt zurück fiel und nach weiteren technischen Problemen ausschied.

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