Moritz Milatz im Interview: Eine Zukunft ohne Startnummer

FOTO | Moritz Milatz ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

Mit dem Ende des Kreidler Werksteam hat auch Moritz Milatz für sich den Schluss-Strich gezogen. Der Europameister von 2012, Marathon-Vizeweltmeister vom gleichen Jahr, der fünffache Deutsche Meister wird seine Karriere über dieses Jahr hinaus nicht mehr fortsetzen. Ein Gespräch mit dem 35-Jährigen Freiburger über eine, für ihn, logische Entscheidung und was er so mitnimmt aus 15 Jahren im Mountainbike-Sport.

 

Moritz, Du hast das Ende Deiner Karriere verkündet.
Ja, ich denke, es ist ein guter Zeitpunkt zum Aufhören.

 

Was macht den Zeitpunkt zu einem guten?
Nun, das Kreidler Werksteam wird nicht weiter geführt, ich habe gerade mein Studium mit dem Bachelor abgeschlossen, ich habe die Chance bei FSM eine Stelle anzutreten und ab Oktober den Master zu machen. Ich denke, es ist irgendwie logisch.

 

Es hat also nicht damit zu tun, dass es für Dich in dieser Saison bisher nicht so gut gelaufen ist?
Nein, absolut nicht, der Sport macht mir immer noch Spaß. Wenn es mit Kreidler weiter gegangen wäre, hätte ich nicht aufgehört. Dann hätte ich den Master nicht sofort angefangen. Aber ich wollte auch nicht mehr komplett auf die Karte Sport setzen, irgendwann ist es eh vorbei. Im Winter sah es noch so aus, als würde es mit Kreidler weitergehen und ich habe für mich entschieden weiter zu machen. Aber dann haben wir länger nichts gehört und irgendwann hat es sich verdichtet. Ab da habe ich drüber nachgedacht aufzuhören.

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Der letzte Sieg im BMC-Trikot, 2014 in Bad Salzdetfurth, wo er sage und schreibe sechsmal ganz oben stand ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

 

Du nennst es logisch. Wäre es vor 3 Jahren, als Du nach Deiner stärksten Saison überraschend bei BMC keinen Vertrag mehr bekommen hast, nicht schon so gewesen?
Nein, ich bereue das gar nicht. Jetzt höre ich auf und habe den Uni-Abschluss schon in der Tasche. Es hat sich jedes Korn gelohnt. Und wie gesagt: auch dieses Jahr macht trotz allem noch Spaß. Beim Weltcup in Andorra (Anfang Juli) – da ist die Entscheidung gefallen – habe ich gemerkt, es ist anders und es hat mir richtig Spaß gemacht, obwohl ich nicht besonders gut gefahren bin. Da war ich in den Vorbereitungen auf die Bachelor-Prüfung, das war etwas belastend.

 

Warum läuft es denn in dieser Saison nicht rund?
Die letzten Jahre ist es mir allgemein schwer gefallen. Wenn du einmal raus warst, den Anschluss verloren hast, dann ist es schwer wieder da hin zu kommen. Ich denke, ich hätte vorher irgendwas falsch gemacht, wenn ich unter diesen veränderten Bedingungen gleich schnell gefahren wäre.

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Die größten Erfolge feierte Milatz im BMC-Trikot, darunter ein fünfter Platz beim Weltcup in Albstadt ©Andreas Dobslaff/EGO-Promotion

Die reinen Leistungsdaten sind eigentlich viel versprechend.
Ja, das schon. So genau weiß ich nicht, was falsch läuft. Ich gehe aber davon aus, dass die Gesamtbelastung mit dem Studium und zuletzt mit der Bachelor-Arbeit einfach höher ist. Das wäre eine Erklärung. Ein Großteil der Leistung kommt aus dem Kopf und wenn man die Energie woanders reinsteckt, dann bleibt weniger fürs Rennen übrig.

 

Ende August fährst du im Val di Sole Deinen letzten Weltcup…
…einfach weil es der Letzte ist, egal was dabei rauskommt. Ich bin ja so viele Weltcuprennen gefahren, irgendwann ist einer mal der Letzte. Ich will ihn genießen.

 

Wird Wehmut dabei sein?
Immer. Die Entscheidung ist ja schon eine Weile gefallen und das Ende kommt so langsam näher. Aber wenn was wegfällt, kommen andere Sachen, über die man sich freuen kann. Freie Wochenenden zum Beispiel, mit der Familie.

 

Wo wird man Dich als Rennfahrer noch erleben?
Am Sonntag beim Swiss Bike Cup in Muttenz, dann den Weltcup im Val di Sole, die Marathon-DM, die zwei Bundesliga-Rennen in Titisee-Neustadt und in Freudenstadt und am Ende noch das Roc d’Azur.

 

Mit echten Ambitionen oder zum Ausklingen lassen?
Klar mit Ambitionen, sonst brauche ich ja keine Rennen fahren.

 

Du warst nicht bei der EM und wirst auch nicht bei der WM in Australien mit dabei sein. Bedauerst Du das, ausgerechnet in Deinem letzten Jahr?
Das empfinde ich nicht so dramatisch. Australien, das wäre wieder ein riesiger Act gewesen. Da werde ich echt lieber bei der Marathon-DM (zeitgleich, die Red.) versuchen noch mal was zu reißen.

 

2020 ist die WM in Albstadt. Macht Dir das nichts aus, dass Du da nicht mehr dabei bist?
Das ist noch zu weit weg, als dass es noch mal ein Ziel gewesen wäre.

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Dreimal bei Olympischen Spielen, hier in Rio. Ein Erfolg, auch wenn er unter den fünf Ringen nie vom Glück verfolgt war. ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

Du bist spät vom Laufen zum Mountainbike gewechselt, aber es sind jetzt doch gut 15 Jahre im Radsport zusammen gekommen. Was wirst Du vermissen?
Sicher das Flair beim Weltcup. Andererseits ist es auch so, dass viele aus meiner Generation schon aufgehört haben oder zum Marathon gewechselt sind. Die Jungen kenne ich schon nicht mehr so gut. Aber es war schon schöön…

 

Wenn Du auf Deine Karriere zurückblickst, wie bewertest Du das, was Dir gelungen ist?
Du stellst Fragen (lacht). Hmm, ich bin schon stolz auf Manches. Erst vor ein paar Tagen hat meine Tochter Magdalena die Startnummer von Moskau (Europameister-Titel 2012) angeschleppt und ich dachte: ja, schon nicht schlecht. Dreimal bei den Olympischen Spielen dabei gewesen zu sein, darauf kann man schon stolz sein, denke ich. Insgesamt hat es extrem viel Spaß gemacht. Es war nicht immer leicht, aber es hat mich immer erfüllt. Ich habe viel erlebt, bin viel rumgekommen, habe viele Leute kennen gelernt. Ich würde nichts anders machen.

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Einer seiner größten Erfolge: Der Europameister-Titel 2012 in Moskau, eingerahmt von Silbermedaillengewinner Sergio Mantecon und Bronze-Medaillengewinner Ralph Näf ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

 

Irgendwas verschenkt?
Nee, alles hat so sein müssen.

 

Was nimmst Du aus dem Sport mit fürs Leben?
Als Sportler lernst du viel. Für den Beruf, fürs Leben. Du lernst Disziplin, die Fäden in die Hand zu halten, Verantwortung zu übernehmen. Alles, was ich dafür noch nicht gelernt habe, muss ich jetzt halt nachholen (lacht).

 

Und welche Eindrücke bleiben am meisten haften?
Meine erste Olympia-Teilnahme in Peking, die werde ich nie vergessen. Die ganzen Eindrücke. Ich denke, das hat mich in meiner Karriere auch weitergebracht.

 

Gibt es auch eine größte Enttäuschung?
Nee, eigentlich nicht.

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José Hermida (links), mit dem Moritz Milatz auch das Cape Epic bestritt, war eine prägende Figur, nicht nur für Milatz ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

Von wem hast Du die meisten Impulse mitgenommen, wer hat Dir am meisten mitgegeben?
Da ist sicher mein Trainer Rolf Luxemburger. Der hat mich meine ganze Karriere begleitet (schon als Läufer, die red.), 20 Jahre lang. Er war die größte Konstante. Die sechs Jahre bei Merida habe ich sicher von José Hermida sehr profitiert, später bei BMC hat mich die Rolle als Team-Leader auch weiter gebracht und als Absalon kam, konnte ich noch mal neue Erfahrungen machen. Es ist wichtig, dass man immer lernt. Das wird in meinem Leben weiter so bleiben.

 

Wird Moritz Milatz dem MTB-Sport verbunden bleiben?
Klar. Ich werde mein Mountainbike nicht in die Ecke stellen.

 

Mit oder ohne Startnummer?
(Lacht) Sicher nicht mehr mit Startnummer, da habe ich keine Lust drauf. Ich habe lange genug Leistungssport gemacht.

 

Kannst Du Dir vorstellen in irgendeiner Funktion dem Sport erhalten zu bleiben? Als Trainer vielleicht?
Trainer? Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich werde den Sport sicherlich weiter verfolgen und mir ein paar Rennen angucken. Und als Freiburger bin ich auch einigermaßen nah an der Szene dran. Ich bin auf jeden Fall bereit meine Erfahrungen weiter zu geben, wenn sie gefragt sind.

Moritz, vielen Dank für das Gespräch.