Nach-WM-Weltrangliste: Ein Zahlenwerk der Erkenntnis

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Weltrangliste: Noch führt Julien Absalon vor Nino Schurter ©Marius Maasewerd/EGO-Promotion

Das UCI World Ranking ist vor allem wichtig für die Startaufstellung und für das Nationenranking, das die Zahl der Startplätze bei den Olympischen Spielen bestimmt. Das Letztere dürfte in einigen Nationen in den kommenden acht Monaten ein bestimmendes Thema werden. Ganz besonders für die deutschen Herren, die sich mit Italien ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Eine Abhandlung über die Erkenntnisse aus der aktuellen Weltrangliste von Armin M. Küstenbrück.

Anfang der Woche hat der Weltradsportverband UCI die aktuelle Ausgabe der Weltrangliste veröffentlicht, in die neben den klassischen Cross-Country-Rennen auch Etappen-Rennen und Sprint-Rennen der vergangenen zwölf Monate mit einfließen. Und weil es in diesem Jahr kaum noch Punkte zu holen gibt, ist es fast schon der Jahresendstand. Aber manche Konstellationen sind so knapp, dass sich an entscheidenden Positionen noch etwas ändern könnte.

So war Ex-Weltmeister Julien Absalon (BMC) mit weit über hundert Punkten Vorsprung vor Nino Schurter (Scott-Odlo) als Weltranglisten-Führender in die Saison gestartet. Doch dieser Abstand ist über die Saison hin kontinuierlich geschrumpft: verpasste Weltcup-Siege des Franzosen, der Verzicht auf die European Games in Baku (10 Punkte) und natürlich der Verlust des Weltmeister-Titels ließen den Schweizer auf nunmehr 31 Punkte herankommen – der Sieg in einem C1-Rennen würde Schurter genügen, um an Absalon vorbei zu ziehen (übrigens ist der Schweizer in diesem Jahr noch kein einziges Rennen der C1-Kategorie gefahren, nur zwei der Kategorie C2!).

31 Punkte bei einem Gesamtstand von 1996 Punkte für Absalon – das ist marginal wenig! Aber vermutlich, so hat Schurter nach der WM angedeutet, kann es sein, dass er auch kein Rennen mehr fahren wird in diesem Jahr.

Die Erkenntnis: Man kann in der Weltrangliste auch vorne sein, wenn man nur 14 Rennen fährt, wie Schurter, der nur erste und zweite Plätze stehen hat. Mit einer Ausnahme: Rang sechs beim KMC Bundesliga-Klassiker in Heubach.

Fumic auf fünf – Milatz abgestürzt
Die neue Nummer Drei Florian Vogel (1605) vom Focus XC Team das Zehnfache von diesem Spitzenduo entfernt: 360 Punkte trennen den Durchstarter der Saison, der auf Platz 13 ins Jahr 2015 eingestiegen war, von Schurters zweiten Platz. Verdrängt hat Vogel damit Olympiasieger Kulhavy (1527, Specialized), der seinerseits mit 78 Punkten schon ein bisschen abgeschlagen ist – aber (leider) immer noch souverän vor Manuel Fumic (Cannondale) liegt: der Kirchheimer kommt mit seinen 1356 Punkten auf Rang fünf – und beweist damit seine stabile Leistung die gesamte Saison über.

Doch dann sieht es für die deutschen Sportler eher bescheiden aus: Moritz Milatz (Koch Engineering-Müsing Bikes) ist seit dem letzten Ranking Ende August von Platz 45 auf Platz 72 abgestürzt: im März war er noch als 16. in die vorolympische Saison gestartet. Damals hatte er noch 1003 Punkte. Die Gründe sind bekannt. Jetzt sind es für Milatz noch 404 – und damit gerade einmal elf (!) Punkte mehr als der Allrounder Simon Stiebjahn (Bulls), der immerhin auch als 48. In die Saison 2015 eingestiegen war und jetzt auch nur noch auf Rang 74 zu finden ist.

Das ist nicht nur für Milatz persönlich schade, sondern für alle deutschen Mountainbike-Fans, denn damit wird es nun richtig eng im Kampf um den fünften Platz im Nationen-Ranking für die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im kommenden August. Der fünfte Platz ist der letzte, der noch drei Starter erlaubt, ab Platz 6 dürfen die nationalen olympischen Komitees nur noch zwei Starter nach Rio schicken. Und so kämpfen derzeit Deutschland und Italien Kopf an Kopf um diesen heiß begehrten fünften Rang.

Deutsch-italienisches Duell in Bad Säckingen
Gerade einmal 72 Punkte trennen derzeit die beiden Länder, noch hat Deutschland das Vorderrad knapp vorne – für das HC-Bundesliga-Rennen in Bad Säckingen hat daher schon mal die italienische Nationalmannschaft mit ihren Topfahrern Marco Aurelio Fontana, Luca Braidot und Andrea Tiberi gemeldet. Die drei aktuellen deutschen Punkte-Lieferanten Manuel Fumic, Moritz Milatz und Simon Stiebjahn werden sich mit dem Italo-Trio duellieren.

Sollte der unbegrenzte Sturzflug von Moritz Milatz weiter gehen – was wir ihm nicht wünschen wollen – könnte plötzlich Altmeister Karl Platt (ebenfalls Bulls, 324), der nun tatsächlich seit vielen Jahren nichts mehr mit der olympischen Distanz zu tun hat (mit Ausnahme des Bundesliga-Rennens in Wombach zu Beginn der Saison), Punktelieferant für Rio werden: immerhin kann er über Etappen-Rennen, zum Beispiel in Langkwai (Malaysia) oder das Cape Epic (Südafrika) noch eine ganze Menge Punkte holen – ohne selbst die Chance zu haben, nach Rio fahren zu dürfen: „Das war schon 2004 so“, erinnert sich der 37-jährige Pfälzer, „als Carsten Bresser sowie Lado und Manuel Fumic nach Athen gefahren sind: auch damals war ich schon der dritte Punktelieferant.“

Kein deutscher U23-Fahrer in den Top 100

Erst auf Rang 97 folgt Focus-Fahrer Markus Schulte-Lünzum (exakt 300 Punkte), der wie Milatz als scheinbar sichere Bank als 25. der Weltrangliste in die Saison 2015 gestartet war – und seither immer weiter nach hinten durchgereicht wurde. Vor zwei Wochen lag der ehemalige Deutsche Meister noch auf Rang 84. „Schulle“ ist nun gerade noch fünftbester Deutscher in der Weltrangliste, gefolgt von Markus Bauer (Kreidler Werksteam, 284 Punkte) auf Rang 104). Abwärts ging es in diesem Jahr auch für Martin Gluth ( Novus OMX) – er liegt nur noch auf Platz 109.

Einen richtigen Absturz hat Julian Schelb zu verzeichnen: im März immerhin auf dem 90. Platz zu finden, liegt er Stand 08. September nur noch auf dem 276. Rang.
Ernüchternd auch die Lage der deutschen U23-Fahrer, wo zumindest der beste Fahrer in der Regel in der Vergangenheit in den Top100 zu finden war: Georg Egger findet sich gerade mal auf Platz 162, Ben Zwiehoff sogar nur auf Platz 228.

Einen Riesensprung nach vorne machte mit seiner Bronzemedaille bei der Sprint-WM hingegen XCE- und Enduro-Spezialist Simon Gegenheimer, der von Platz 552 auf Rang 248 gespült wurde: satte 80 Punkte trug ihm der dritte Platz in Andorra ein, Punkte die auch Simon Stiebjahn gut hätte gebrauchen können: „Ich wäre schon gestartet, wenn der BDR mich nominiert hätte“, meinte Stiebjahn auf Anfrage.
Tatsächlich war Stiebjahn nur als Ersatzfahrer für die olympische Distanz vorgemeldet und erst in der Woche vor der Weltmeisterschaft endgültig nominiert worden. „Wir wollten ihm die Chance geben, sich persönlich für Olympia zu qualifizieren“, so Bundestrainer Peter Schaupp. „Da hätte der Sprint eher nicht hinein gepasst.“

Überfliegerin Neff – Deutsche Damen auf Rang drei
Während es bei den Männern an der Spitze recht eng zugeht, ist es für eine Frau sehr einsam: die Jolanda Neff (Stöckli) liegt satte 600 Punkte vor Gunn-Rita Dahle-Flesja (Multivan-Merida) – oder anders gesagt: mit ihren 2.246 hat die Schweizer Überfliegerin fast über 25 Prozent mehr Punkte als die Norwegerin (1.652). Dritte ist die Siegerin des Weltcups in Val di Sole (ITA), die Dänin Annika Langvad (Specialized Racing, 1530).

Die drei besten deutschen Frauen sind Helen Grobert (Ghost), Adelheid Morath (BH-SR Suntour-KMC) und Sabine Spitz (Sabine Spitz) – und zwar genau in dieser Reihenfolge! Allerdings sind die Zeiten, als drei deutsche Frauen in den Top Ten zu finden waren, längst vorüber: die Deutsche Meisterin Helen Grobert liegt als beste auf Rang 16 (976), Morath (911) hat sich durch die WM auf Platz 20 verbessert und Spitz, die Grande Dame des deutschen MTB-Sports, findet sich trotz ihres achten Rangs bei der Weltmeisterschaft mit 816 Punkten nur mehr auf Rang 27.
Diese drei sammeln auch fleißig Punkte für die deutsche Olympia-Qualifikation, in der Deutschland hinter der Schweiz und Kanada souverän auf dem dritten Platz zu finden ist.

Nadine Rieders großer Sprung
Stabil behaupten sich Hanna Klein (BH-SR Suntour-KMC, 434 P.) auf dem 56. Platz und Elisabeth Brandau (Radon-EBE Racing, 291 Punkte) auf dem 93. Platz. Dazwischen hat sich aber die Allgäuerin Nadine Rieder (AMG-Rotwild) geschoben: für ihren siebten Platz bei der XCE-WM gab es 40 Punkte, für ihren Titel als Deutsche Sprint-Meisterin zwei Tage zuvor immerhin noch 10 Punkte. Verbunden mit dem Sieg in Muttenz und dem vierten Platz bei der Deutschen XCO-Meisterschaft in Saalhausen ist die 26-jährige binnen drei Monaten von Platz 532 (Stand 16. Juni 2015) auf Rang 86 geklettert – damit ist sie plötzlich fünftbeste Deutsche in der Weltrangliste!

Um die Olympia-Qualifikation müssen sich die deutschen Frauen allerdings keine Sorgen machen: selbst die Top-Nationen dürfen maximal zwei Starterinnen 2016 nach Rio schicken. Viel interessanter wird in diesem Zusammenhang, welche beiden der drei, vielleicht sogar vier deutschen Sportlerinnen die Farben des BDR vertreten wird, wenn Rio die „Jugend der Welt“ zu den Spielen der XXXI. Olympiade der Neuzeit ruft. Aber das dürfte auch bei den deutschen Männern spannend werden …

Text: Armin M. Küstenbrück