Olympia Rio 2016: Jenny Rissveds wird Olympiasiegerin

 

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Spitzentrio in Runde drei: Jenny Rissveds, Maja Wloszczowska und Jolanda Neff ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

Die Schwedin Jenny Rissveds hat sich im Deodoro Mountainbike Park die olympische Gold-Medaille geholt. Die Siegerin des Weltcups in Lenzerheide gewann in 1:30:15 das Duell an der Spitze gegen Maja Wloszczowska aus Polen. Bronze ging an Catharine Pendrel (Kanada), die mit 1:26 Minuten Rückstand das Ziel erreichte.
Helen Grobert aus Freiburg beendete ihre Olympia-Premiere auf dem zwölften Platz (+3:53), während die durch eine Knie-Verletzung gehandicapte Sabine Spitz das Rennen an 19. Stelle (+9:01) zu Ende fuhr.

Im Lager der deutschen Mountainbiker haben die Turbulenzen um den Start von Sabine Spitz im Vorfeld die Stimmung schon etwas eingetrübt. Was am Ende in der Ergebnisliste stand, spiegelt vielleicht auch ein wenig diesen Umstand wieder.
Helen Grobert (Ghost Factory Racing) versuchte sich davon nicht beeinflussen zu lassen, doch bei ihrem ersten Olympia-Auftritt gelang ihr nicht ganz das Rennen, das sie sich gewünscht hatte.
Zumindest die Startphase funktionierte nach Plan. Helen Grobert machte mit Power und mit kluger Linienwahl rasch Positionen gut und reihte sich an vierter Position ein, als es in den ersten Singletrail ging.
„Ich hatte vor dem Start extrem Respekt, aber der Plan ist aufgegangen. Ich wollte einfach mitfahren und schauen was“, erklärte Grobert.

Pendrel stürzt und verschiebt sich den Schalthebel
Doch es dauerte nicht lange, dann musste sie Positionen abgeben. Vorne hatte Linda Indergand (Focus XC) das Gaspedal am schnellsten gefunden und stürmte erst mal davon, verfolgt von einer Gruppe um Jenny Rissveds (Scott-Odlo) Maja Wloszczowska (Kross Racing) und Jolanda Neff (Stöckli Pro Team).
Helen Grobert fand sich dann in einer Gruppe zwischen Platz neun und zwölf wieder, bevor sie von Catharine Pendrel (Luna Pro Team) passiert wurden. Die Kanadierin war in der Startrunde gestürzt und hatte sich den Schalthebel verboten. „Ich konnte nur noch einen Gang den Berg hoch fahren. Deshalb habe ich an der Tech-Zone angehalten“, erklärte Pendrel. Mit 1:04 Minuten Rückstand kam sie aus der ersten Runde und machte sich an die Aufholjagd.

Helen Grobert: Zweite Runde super zäh

Helen Grobert kämpfte derweil in ihrer Gruppe mit Vize-Weltmeisterin Lea Davison (Specialized Racing) und Yana Belomoina (CST Superior Brentjens) um Platz zehn.
„Das war eigentlich eine ganz gute Gruppe. Vorne, die waren einen Tick zu schnell für mich. Ich habe so gekämpft, ich wollte noch mal ran kommen, aber es ging nicht“, erzählte Grobert.

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Helen Grobert auf dem Weg zu Platz zwölf

Während Lea Davison in typischer Manier noch ein starkes Finish abliefern konnte und die schwächer werdende Weltmeisterin und Teamkollegin Annika Langvad (Specialized Racing), sowie die einbrechende Gunn-Rita Dahle-Flesjaa (Multivan-Merida) noch passieren konnte (7.), blieb Helen Grobert auf dem zwölften Platz hängen.
„Ich habe alles gegeben, das war mein Ziel. Die zweite Runde war mega hart für mich, weil es so super zäh war. Ich habe trotzdem nicht so viele Plätze verloren und verglichen mit dem Weltcup in Kanada habe ich auch viel weniger Zeit verloren. Deshalb bin ich auch zufrieden“, bilanzierte sie ihre Olympia-Premiere.

Ohne Intensitäten keine Chance: Spitz dennoch froh gestartet zu sein
Sabine Spitz konnte von Anfang an das Tempo der Spitze nicht folgen. Damit hatte sie auch gerechnet. „Seit dem 12. August habe ich keine Intensitäten mehr trainiert, das war klar. Die Kraftausdauer hat gefehlt, ich konnte nicht mit Zug fahren“, bekannte Spitz.

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Sabine Spitz konnte das Rennen immerhin beenden. ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

Sie wurde bis an 20. Stelle zurückgereicht und fuhr dort ein einsames Rennen. Ihr Letztes auf der großen Bühne. Am Ende passierte sie noch die Brasilianerin Raiza Goulao-Henrique und machte mit Rang 19 einen Knoten an ihre Cross-Country-Karriere.
Es war höchstwahrscheinlich das letzte Cross-Country-Rennen in ihrer Karriere, denn jetzt geht es erst einmal um die weitere Behandlung des Knies. „Das habe ich eigentlich überhaupt nicht gespürt, das ging super“, schüttelte sie den Kopf.

„Ich bin froh, dass ich am Start gegangen bin und dass ich durchgefahren bin. Das war ein guter Abschluss, ohne Rennen wären es nicht wirklich die fünften Olympischen Spiele gewesen. Das war es mir wert, das hat mir sehr viel bedeutet. Um die Medaillen zu fahren, das war schon utopisch unter den Vorzeichen.“

Linda Indergand: Das war keine Teamtaktik
Um die kämpften andere. An der Spitze entwickelte sich ein interessantes Rennen. Linda Indergand wurde am Ende der ersten Runde eingeholt, fuhr aber aus einer achtköpfigen Gruppe noch einmal davon. Rissveds, Wloszczowska und Neff bildeten die erste Verfolgergruppe. Sie holten Indergand zu Beginn der dritten Runde ein. Die Eliminator-Weltmeisterin fiel an die vierte Position zurück und verlor den Anschluss.

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Zeigte ein auffälliges und starkes Rennen: Linda Indergand

„Es war definitiv nicht der Plan vorne weg zu fahren. Es war auch keine Teamtaktik. Ich hatte eine andere Linie, konnte ich die anderen distanzieren. Die anderen haben dann aufgedreht. Es ist immer schwierig, dann noch dabei zu bleiben, aber ich habe versucht alles zu geben“, erklärte Indergand zu ihrem forschen Auftreten. Am Ende wurde sie Achte (+3:12).
Jolanda Neff: Rückenbeschwerden verhindern Kampf um die Medaille
Ihre Landsfrau Jolanda Neff übernahm die Spitzenposition und es wirkte als hätte Indergand die Steilvorlage geliefert. Geplant war es also nicht, aber Neff hatte sich erst mal bedeckt halten können. Doch es half ihr nichts. Als eine der großen Favoritinnen gestartet, verlor Jolanda Neff in Runde vier plötzlich die Körperspannung und den Anschluss: die Rückenbeschwerden, die auch schon bei der WM in Nove Mesto das Problem waren, warfen sie zurück.
„Ich habe im Vorfeld einen Fehler gemacht. Ich weiß im Moment nicht, was ich falsch gemacht habe, ich dachte eigentlich, ich wäre parat“, kommentierte eine enttäuschte Jolanda Neff ihren sechsten Platz (+2:28). Der besagte „Fehler“ bezog sich auf den Umgang mit dem Rücken.

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Kanada auf den Plätzen drei und vier: Catharine Pendrel holt nach großartiger Aufholjagd Bronze vor Emily Batty ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

In der fünften Runde verlor sie rapide ihren Vorsprung auf die Verfolgerinnen Catharine Pendrel, Katerina Nash (Luna Pro Team) und Emily Batty (Trek Factory Racing). Noch vor dem längsten Anstieg ging das Trio an der Schweizerin vorbei, die Medaille entschwand aus ihrem Blickfeld.
Jolanda Neff kämpfte und machte das beste draus. Rang sechs war aber natürlich nicht das, was sie sich vorgestellt hatte. „Bis dahin ist es mir ganz gut gegangen, aber wenn das kommt, dann geht es halt nicht mehr. Im Moment habe ich keine Lösung für das Problem.“

Jenny Rissveds: Trotz Verletzungen ruhig geblieben
Jenny Rissveds entschied das Duell um Gold gegen Maja Wloszczowska in der letzten Runde und am Ende war es deutlich genug, um sich ausgiebig feiern zu lassen. Richtig fassen konnte sie im Beisein des Schwedischen Königspaars ihr Glück nicht.

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Größtmöglicher Triumph mit 23 Jahren: Jenny Rissveds holt olympisches Gold ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

„Ich habe einfach versucht Spaß zu haben und ruhig zu bleiben. Am Ende war ich die Stärkste, ich kann es kaum glauben“, erklärte Rissveds, die sich am Mittwoch bei einem „dummen Trainingssturz“ Wunden am Ellbogen und am Knie zugezogen hatte. „Drei Stiche am Ellbogen, fünf am Knie“, zählte sie die Folgen auf. „Aber ich habe versucht positiv zu bleiben und das ist mir auch gelungen.“

Ihr geplantes letztes Rennen vor den Olympischen Spielen, das Rennen im Hadleigh Park hatte sie aufgeben müssen, weil sie ein paar Tage zuvor einen „Unfall“ hatte und der Bluterguss war so aggressiv, dass er den ganzen Muskel zum verkrampfen gebracht hatte.
So war ihre Vorbereitung alles andere als reibungslos verloren und dennoch stand die erst 22-jährige U23-Weltmeisterin in Rio ganz oben auf dem Podium.

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Olympisches Damen-Podium von links: Maja Wloszczowska, Jenny Rissveds und Catharine Pendrel ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

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