Olympia Rio 2016: Moritz Milatz, Erfolge auf Hass-Strecken und die Inspiration der Spiele

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Bei Olympia alles, alles, alles geben: Moritz Milatz ©Erhard Goller

Zum dritten Mal steht der Freiburger Moritz Milatz am Sonntag bei Olympischen Spielen am Start. Es ist das Rennen, für das er seine Karriere vor zwei Jahren unter schwierigen Bedingungen fortgesetzt hat, entsprechend motiviert ist der Kreidler-Biker. Im Interview spricht er über die Gänsehaut von Peking und erklärt warum er mit Olympia noch eine Rechnung offen hat.

 

Moritz, die Generalprobe für die Olympischen Spiele in Mont Sainte Anne ging daneben. Du hattest zwei Defekte, doch auch sonst lief es nicht optimal. Was hat die Analyse ergeben?
Ich habe mich körperlich gut gefühlt. Das einzige Problem war, dass die Außenseite der Muskulatur zugemacht hat. Es kam sehr wahrscheinlich daher, dass mir der Sattel ein Stück runter gerutscht ist. Ich habe das einfach nicht gemerkt. Am meisten hat mich aber geärgert, dass ich zwei Laufräder kaputt gemacht habe und dass ich das Rennen nicht beenden konnte, war nicht gerade aufbauen. Aber das ist inzwischen abgehakt.

Ihr ward dann noch fünf weitere Tage in Kanada, wie lief es dort?
Wir hatten noch mal eine gute Trainingswoche dort, ich hatte ein gutes Gefühl.

Mit welchem Gesamteindruck gehst du in die Olympischen Spiele?
Ich denke, ich habe alles gemacht, was möglich war. Ich war zweimal in der Höhe, habe dort gut trainiert. Mehr kann ich nicht machen.

Hast du das Gefühl, dass du von der Form her an einem ähnlichen Punkt bist wie vor zwei Jahren bei der WM in Hafjell, als du Vierter wurdest?
Hmm, davor hatte ich auch nicht das mega Gefühl. Es ist für mich schwer vor dem Rennen zu sagen, es läuft oder es läuft nicht.

Das heißt, wir müssen einfach warten, was am Sonntag rauskommt?
Klar. Ich werde alles, alles, alles geben was ich habe. Und ich werde das Rennen genießen.

Wie genießt man ein Rennen, wenn man voll am Anschlag ist?
(Grinst). Bei Olympia geht das schon. Das ist das Rennen, für das ich vor eineinhalb oder zwei Jahren gesagt habe, okay, ich fahre weiter. Nach allem, was ich mit- und durchmachen musste, habe ich es geschafft, dass ich hier am Start stehen darf. Allein das Gefühl kann einem keiner nehmen.

Gegenüber 2008 und 2012, gibt es da etwas, was anders ist? Vielleicht auch weil es vermutlich deine letzten Olympischen Spiele sein werden?
2008 und 2012 waren schon komplett unterschiedlich. Ich würde es eher mit 2008 vergleichen, wo ich mich wirklich gefreut habe, dass ich dabei bin. Weil es von Anfang an nicht so eindeutig war (Milatz hatte nicht die volle Norm erfüllt), ob ich es schaffe oder nicht. Ich weiß noch, in Peking bin ich die erste Runde nur mit Gänsehaut gefahren, da habe ich nichts gespürt und gedacht (lacht). Die Schmerzen haben dafür auch erst zweite, dritte Runde angefangen.
2012 war es im Jahr zuvor schon klar, dass ich dabei bin und es war vor Olympia schon so viel passiert, dass es mehr oder weniger ein weiteres Rennen war. Das ist diesmal nicht so.

Das heißt dieses Mal hat eine größere Bedeutung?
Ja. Auch dadurch, dass es weiter weg ist von zuhause. Im Vergleich zu London habe ich mehr für dieses Rennen gemacht. 2012 war eben vorher schon so viel. Da bin ich das Cape Epic gefahren, bin Europameister geworden, man war vier Wochen in Südafrika und als dann Olympia kam, da war es schwer das noch mal davon abzuheben. Zudem waren wir da eine Woche vorher dort, waren im Hotel, draußen in Essex, das war ganz anders. Es waren coole Spiele, aber ähnlich wie ein Weltcup-Rennen.

Dass es bis dato noch nicht so gelaufen ist, wie du es dir vermutlich gewünscht hast. Wie nimmst du das?
Das ist halt so. Das kann ich nicht ändern, aber ich mache mir deshalb auch keinen Kopf. Klar, ich habe meine Erwartungen an mich selber etwas zurückgeschraubt. Aber für Olympia beeinflusst mich das nicht negativ…weil das einfach ein anderes Rennen ist.

Diesen Satz hört man immer wieder. Inwiefern ist es denn ein anderes Rennen?
Weil allein, dass du am Start stehst schon ein Erfolg ist. Da überlegst du gar nicht, was davor ist. Da zählt nur dieses eine Rennen.

Gegenüber der Badischen Zeitung hast du gesagt, dass du dir einen Platz in den Top Ten zutraust.
Klar, traue ich mir nach wie vor zu. Ob ich es schaffe, ist eine andere Frage. Aber wenn alles gut läuft, kann ich es schon schaffen. Aber konkret eine Platzierung zu nennen, ich weiß nicht. Ich bin dann zufrieden, wenn ich das Gefühl habe es gut gelaufen und ich habe alles aus mir herausgeholt. Vor zwei Jahren hätte ich wohl gesagt, dass ich um eine Medaille mitfahren will. Das wäre nicht so weit weg gewesen. Aber durch die Veränderungen (2015 ohne Profi-Vertrag und Wiederaufnahme des Studiums) in den vergangenen zwei Jahren ist es schwer ein konkretes Ziel zu formulieren.

Du hast auch angemerkt, dass du mit Olympia noch eine Rechnung offen hast.
Ja. In Peking war ich auf Kurs Top Ten und hatte dann Defekt (16. am Ende) und in London ging ja alles schief (abgebrochener Bremshebel, Sturz, zwei Defekte, 34.).

Denkst du im Rennen an so was, holst du dir so Motivation?
Schwer zu sagen. Ich weiß gar nicht, ob ich so viele Gedanken habe.

Wie passt dir die Strecke?
Ich komme gut damit klar. Ic werde das Hardtail nehmen, auf dem fühle ich mich besser. Aber die Strecke an sich liegt mir mehr als London.

Manche sagen, es wäre vergleichbar mit London. Wo sind für dich die Unterschiede?
Sie ist rhythmischer.

Was heißt das dann?
Du musst gleichmäßiger fahren, glaube ich. Schwer zu sagen. London war schon so: wenn du einen guten Start hattest, dann war das schon die halbe Miete.

Und das ist hier in Deodoro nicht so?
Es ist anders. Du kannst besser überholen, aber du kannst auch mehr kaputt gehen. So empfinde ich das. Von der technischen Seite und der Charakteristik sind die Strecken schon ähnlich, weil so viel künstlich gebaut ist. Aber das Profil ist ein anderes. Aber nach wie vor bin ich der Meinung, dass die Strecke nicht so viel darüber entscheidet ob man gut fährt. Wenn du eine gute Form hast und einen guten Tag erwischt, kannst du auf jeder Strecke schnell fahren.

Du zumindest, du giltst auch als Allrounder.
Ich glaube, die meisten können das. Wenn ich an den Weltcup in Madrid denke, das war immer meine Hass-Strecke, auf der ich überhaupt nicht klar kam. Und plötzlich ging es dann doch (Milatz wurde dort 2009 Dritter). Ich glaube, ich muss mich nicht verrückt machen lassen. Es bringt ja auch nichts, sie ist wie sie ist.

Es geht vermutlich eher darum, wo setzt du die Akzente, wo versuchst du zu konservieren und so weiter? Manuel Fumic meinte, die Strecke gibt dir den Rhythmus nicht so vor.
Ja, das ist was ich auch meine. Das war in London anders. Durch die ständigen Anstiege. Da musstest du den Rhythmus von dem vor dir übernehmen. Das ist hier nicht so, du kannst deinen eigenen Rhythmus fahren. Oder musst sogar. Weil du abgesehen von der längeren Abfahrt ständig am Gas bleiben musst.

Wenn man sich jetzt keine Medaille als Ziel setzt, hat man da wohl auch die Chance in der Schlussphase den einen oder anderen einzusammeln, oder?
Kann gut sein. Ich glaube auch, dass sich einige aufrauchen werden in den ersten Runden. Das war bisher glaube ich immer so.

Das Olympische Dorf, der Trubel dort, ist das etwas, was dir eher Konzentration nimmt oder mehr inspiriert?
Ich würde sagen: inspiriert. In Peking fand ich das cool. Wenn du das nicht hast, dann fehlt irgendwas. Das ist, was Olympische Spiele ausmacht. Dass Leute aus so vielen verschiedenen Sportarten und so vielen Ländern zusammen wohnen. Selber bekommst von den Wettkämpfen nicht viel mit. Du bist ja mit deinem Training beschäftigt. Du siehst die Leute kommen und gehen, hast aber keine Ahnung was die machen. Doch, ich würde sagen: es inspiriert.

Du bist am Donnerstag im Training durch eine Windböe gestürzt. Mit welchen Folgen und wie sieht es für das Rennen aus?
Ich habe mir etwas die Rippen geprellt, aber schlimmer ist das Handgelenk. Das habe ich aber erst heute (am Freitag) gemerkt. Wir haben ein Röntgenbild gemacht und MRT, aber es ist zum Glück nichts gebrochen. Wie es gehen wird, das kann ich erst am Samstag nach dem Training sagen.