Weltcup Andorra Nachgedreht: Torturen, Lückenfüller und Krisenbewältiger

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Weltcup-Finale im Bikepark Vallnord: Der Start der Herren ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

 

Les Bleus und ein weißes Kreuz dominieren bei den Herren, beim anderen Geschlecht ist’s bunt gemischt. Manche haben Krisen, andere auf der Lunge. Bei Einer fehlt die Spannung und bei der anderen ist’s verhext. Bei Stürzen fällt man oder frau meist dahin, wo es eh schon weh tut und eine darf nicht mal eine Runde zu Ende fahren. Vom Weltcup in Andorra nachgedreht was hier noch nicht geschrieben.

 

Das Weltcup-Gesamtergebnis bei den Herren spiegelt die derzeitigen Machtverhältnisse wieder. Nur bedingt auf die einzelnen Fahrer bezogen, weil die Olympischen Spiele etwas verfälschen, doch im Blick auf die Nationen schon.

Nur Franzosen und Schweizer waren an der Gesamt-Siegerehrung beteiligt. Julien Absalon (1.), Maxime Marotte (3.) und Victor Koretzky (4.) aus Frankreich, sowie Nino Schurter (2.) und Mathias Flückiger (5.) jubelten von dort in die Menge.

Und es ging noch weiter: Matthias Stirnemann als Sechster und Jordan Sarrou als Siebter komplettierten die Dominanz dieser beiden Nationen.

David Valero aus Spanien ist als Achter der beste Nicht-Franzosen-Schweizer. Die Spanier sind im Übrigen im Begriff die Lücke, die José Hermida hinterlassen wird, mit Valereo und dem Tagesdritten Pablo Rodriguez bereits wieder zu füllen. Zumindest leistungs-technisch.

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Der eine, links, der spanische Lückenfüller und der andere, rechts, einer von drei Franzosen auf dem Gesamtpodium: Pablo Rodriguez und Maxime Marotte im Sprint um Rang drei ©Constantin Fiene / Whyex Productions

 

Bei den Damen hätte es fast einen neuen Namen in der Siegerliste der Gesamtwertungen gegeben. Weltmeisterin Annika Langvad war auf dem guten Weg als erste Dänin die Kristall-Trophäe in Empfang zu nehmen, als sie an fünfter Stelle liegend stürzte und sich ziemlich weh tat.

Das brachte sie arg aus dem Konzept. Erst in der letzten Runde wurde sie noch mal schneller, doch mehr als der 13. Platz war nicht drin. Da Catharine Pendrel (in Runde 2 auch gestürzt) das Rennen auf dem dritten Platz beendete, hätte die bis dahin in der Gesamtwertung führende Langvad Siebte werden müssen. Dazu fehlten am Ende fast vier Minuten.

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Da war noch alles im Soll: Annika Langvad an fünfter Stelle liegend, vor Maja Wloszczowska ©Erhard Goller

Verglichen mit den Herren gibt die Damen-Gesamtwertung ein völlig anderes Bild ab: Auf den ersten zehn Plätzen finden sich Fahrerinnen aus acht verschiedenen Nationen. Nur Kanada (Pendrel, 1., Emily Batty, 3.) und die Schweiz (Neff, 6., Indergand 8.) sind dort doppelt vertreten.

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Martin Fanger (BMC Racing) hatte die ganze Saison auf ein solches Ergebnis gewartet. Mit dem sechsten Platz stellte er sein persönliches Top-Resultat vom Weltcup in Albstadt 2013 ein.

Mit Startnummer 32 ins Rennen gegangen, gelang ihm ein ordentlicher Start, doch bis zum angestrebten Top-Ten-Platz fehlten nach einer Runde noch vier Positionen. Dann gelang es ihm zu Marco Fontana (Cannondale Factory Racing), Maxime Marotte und Jordan Sarrou (beide BH-Sr Suntour-KMC) aufzuschließen.

Marotte und Fontana fuhren ihm erst mal weg, doch in der fünften Runde kam Manuel Fumic (Cannondale Factory Racing) von hinten und fortan wurde ein Deutsch-Schweizer Duo daraus.

„Es war gut für mich als Manuel kam. Da konnte ich mich ein wenig von meinem Anfangseffort erholen und dann mein Tempo bis zum Schluss durchziehen“, erklärte Fanger. Dieses Tempo zum Schluss, das reichte dann zur schnellsten Rundenzeit auf den letzten 4,2 Kilometern. Und war damit auch so schnell, dass Manuel Fumic nach seinem kleinen Fehler die Lücke zum Schweizer nicht mehr zu bekam.

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Auch Thomas Litscher (Multivan-Merida) hatte fünf Rennen lang waren müssen, ehe für ihn das Top-Ten-Resultat notiert wurde. „Das ist da, wo ich hin will“, meinte Litscher zufrieden. „Eine Runde habe ich ein wenig gekriselt“, gestand er, „aber den Verlust konnte ich im langen Downhill wieder gut machen.“ So wurde es am Ende Rang neun. Völlig kaputt, wie er gestand, aber immerhin.

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Völlig kaputt: Thomas Litscher ©Andreas Dobslaff/EGO-Promotion

 

Mathias Flückiger (Stöckli Pro Team) beendete die Weltcup-Saison auf Rang 14. und holte damit wenigstens noch den fünften Gesamtrang, weil auch Matthias Stirnemann keinen guten Tag erwischte.

„Seit Rio fühle ich mich nicht mehr gut. Ich war noch mal in der Höhe und dachte am Anfang es sei der Jetlag. Aber irgendwie habe ich was auf der Lunge“, erklärte Flückiger. Unter diesen Umständen war er auch zufrieden mit seinem Resultat.

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Matthias Stirnemann (Möbel Märki) hatte sich für das Weltcup-Finale sehr viel vorgenommen. Mittels Höhentraining im Engadin wollte er sich optimal auf Andorra vorbereiten und seinen fünften Gesamtrang verteidigen.

Nach einer Runde lief noch alles nach Plan, er lag in der Verfolgergruppe um den späteren Sieger Julien Absalon (BMC Racing). Doch dann verlor er mehr und mehr an Boden und am Ende stand ein – inzwischen – enttäuschender 21. Platz. Sieben Positionen weiter vorne oder 48 Sekunden schneller und es hätte in der Endabrechnung zu Platz fünf gereicht. Dennoch: Ein sechster Platz in der Gesamtwertung ist ein großartiges Resultat für den 24-jährigen Stirnemann. Erwartet hätte das wohl niemand von ihm, auch er selbst nicht.

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Elisabeth Brandau (Radon-EBE Racing) wollte noch mal einen schönen geschwungenen Haken an die Weltcup-Saison 2016 machen. Doch daraus wurde nichts. Die Startphase gelang ihr nicht so gut, doch dann schien sie einigermaßen in Schwung zu kommen. Bis zur dritten Runde machte sie zwölf Positionen gut und lag an 26. Stelle. Das war natürlich auch nicht die Region, in der sie landen wollte, doch danach ging es sogar wieder rückwärts. Maßgeblich verantwortlich dafür war ein Kettenklemmer, der sie sechs Positionen kostete. Als 34. wurde sie per 80-Prozent-Regel rausgenommen.

„Am Samstag hatte ich noch super Beine“, erklärte Brandau, „aber am Sonntag war die Spannung (in der Muskulatur) weg.“ Die Ursache? Möglicherweise zu viel Ruhe für die Muskeln, durch Eurobike und langer Autofahrt. „Vielleicht habe ich am Freitag zu wenig gemacht?“, spekulierte sie.

Dazu kam, dass sich die technischen Streckenteile im Wald durch den Regen am Samstag stark veränderten, bzw. die Art, wie man sie fahren musste. „Ich konnte am Morgen leider nicht mehr auf die Runde, um mich darauf einzustellen“, so Brandau.

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Zu wenig Spannung: Elisabeth Brandau ©Erhard Goller

 

„Ich war erst mal mega enttäuscht weil ich meine Form im Weltcup fast nie zeigen kann. Vielleicht habe ich mich auch zu sehr unter Druck gesetzt, so dass ich dann auch fahrtechnisch versagt habe“, ärgerte sie sich. Dabei hätte sie dieses Jahr ihre gute Form über die ganze Saison halten können.

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Irina Kalentieva (Möbel Märki), nach wie vor gehandicapt von ihrer Verletzung aus Rio, erwischte einen prächtigen Start. Aus der vierten Reihen manövrierte sie sich rasch an die zehnte Stelle. Nach zwei Runden lag sie an siebter Stelle. Doch dann machte sie in der langen, Abfahrt über viele Felsen und Wurzeln einen Fehler und stürzte erneut auf den linken Arm. „Ich konnte danach kaum noch Bremsen vor Schmerzen“, erklärt Kalentieva auf der Website ihres Teams.

Sie fiel auf Rang zehn zurück und kämpfte dann mit Linda Indergand um Platz neun. Dieses Duell gewann sie zwar, doch von hinten ging noch Vize-Weltmeisterin Lea Davison (Specialized Racing) vorbei weil Kalentieva in der Schlussrunde ein weiteres Mal stürzte. So wurde es der zehnte Platz. Und damit das beste Saisonresultat weil Russin ja die erste Saisonhälfte durch ihre Blinddarm-OP mehr oder weniger verpasste.

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Linda Indergand (Focus XC) fand sich nach dem letzten Weltcup-Rennen auf dem elften Rang wieder. Sie vermisste am Ende der Saison „die Spritzigkeit“, weshalb sie in den Anstiegen immer wieder Boden verlor und sich dann in den technischen Passagen mit dort schwächeren Konkurrentinnen beschäftigen musste. „Ich bin nicht unzufrieden mit meiner Leistung“, konstatierte Indergand, die ihre erste zweite Saison im Elite-Weltcup auf Gesamt-Rang acht abschließen kann.

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Corina Gantenbein (Haibike-Ötztal) hatte am Ende des Rennens zwei starke Runden zu bieten und konnte damit die Serie ihrer Top-20-Resultate verlängern. Von Position 24 konnte sie sich noch auf Rang 19 bewegen und hat sich damit in allen vier Weltcup-Rennen, die sie in diesem Jahr beendet hat, unter den besten 20 klassiert.

Im August war die Schweizerin in österreichischen Diensten krank gewesen. „Ich bin wieder gesund, habe aber in den ersten Runden den Trainingsrückstand gespürt“, so Gantenbein via Pressemitteilung. „In den letzten drei Runden ist es dann aber wirklich gut gegangen.“

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Corina Gantenbein: Die letzten drei Runden lief’s ©Andreas Dobslaff/EGO-Promotion

 

Teamkollegin Kathrin Stirnemann tut sich in Andorra schon immer schwer, sofern es über mehr als die Sprint-Distanz geht. „Die Höhenlage ist für mich nicht ideal“, so Stirnemann, „deshalb muss ich mit dem Rang zufrieden sein.“ Die Weltcup-Saison schließen die beiden Schweizerinnen auf den Plätze 21 (Stirnemann) und 27 ab.

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Ein Hexenschuss machte Nadine Rieder (AMG-Rotwild) das Rennen zur Tortur. Am Donnerstag vor dem Swiss Bike Cup in Muttenz hatten sich die Rückenbeschwerden eingestellt. „Auf dem Rad zu sitzen war die einzige Position, die schmerzfrei war. Deshalb bin ich auch in Muttenz an den Start gegangen“, erzählt Nadine Rieder. Danach musste sie das aber zwei Tage lang büßen. „Ich konnte mich Montag und Dienstag kaum noch bewegen“, so die Sonthofenerin. Mit Hilfe von Arzt und Physiotherapeut wurde es von Tag zu Tag besser. „Das Training in Andorra lief super“, erzählt Rieder. Allerdings gab es durch die Regenfälle vom Samstag beim Rennen am Sonntag dann Laufpassagen. „Das Auf- und Absteigen war nicht ganz so ideal für den Rücken“, bekannte die 27-Jährige.

Sie erwischte einen guten Start und lag nach einer Runde an 30. Stelle. Dann löste sich allerdings der Sattel und die Deutsche Sprint-Meisterin musste an der Tech Zone einen Stopp einlegen. Das warf sie auf Platz 40 zurück und mit dem oben beschriebenen Handicap kam dann nicht mehr raus als Platz 37., zumal sie dann von der 80-Prozent-Regel kassiert wurde.

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Alessandra Keller (Stöckli Pro Team) ist schon in der ersten Runde von der Bildfläche verschwunden. Eine Konkurrentin fuhr ihr ins Hinterrad, so dass es das ganze Schaltwerk abriss. Damit war die Weltcup-Saison für sie erledigt, noch bevor die erste Runde beendet war.

Ein unangenehmer Abschluss einer großartigen Saison, die man von der 20-Jährigen zu sehen bekam. Dreimal verfehlte sie als Sechste das Weltcup-Podium nur knapp.