Weltcup Cairns nachgedreht: Mückenspray und „Schweizer Loch“

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Kathrin Stirnemann: Bestes Karriere-Ergebnis und das trotz Zwischenstopp im Schweizer Loch. ©Katharina Möller/EGO-Promotion

Von einer zufriedenen Ex-Weltmeisterin, einer Sprint-Siegerin mit Zeit für Zuschauer-Talk, einer Ghost-Fahrerin, bei der gutes Zureden hilft, Flugobjekte in Sattelhöhe und einem Streckenteil, das nach der MTB-Nation Nummer eins benannt werden sollte. Alles was hier noch nicht zu lesen war: Nachgedreht.

Irina Kalentieva (RusVelo) reckte bei der Zieldurchfahrt die Arme in die Höhe und fiel danach ihren russischen Betreuern in die Arme. Klar, sie hatte vom Defekt bei Sabine Spitz (Haibike) profitiert, der Freude über den Podest-Platz tat das keinen Abbruch.

„Mit Pietermaritzburg (7.) war ich nicht so zufrieden. Ich dachte, diesmal sollte es das Podium (Top 5) sein. Dass es zu Platz drei gereicht hat, darüber bin ich glücklich“, so Kalentieva.

Sie lag zwischenzeitlich auf Rang zwei, nachdem Spitz zurück gefallen war, doch in einer technischen Passage unterlief ihr ein Fehler, so dass die Kanadierin Emily Batty (Trek World Racing) passieren konnte. Auch von Sabine Spitz wurde sie noch mal überholt, doch da war sie in der Lage zu kontern.

Julie Bresset (BH Sr Suntour-KMC) übernahm nach der Startrunde die Führung, doch bald war sie da vorne nicht mehr zu sehen. Sie war, wie auch immer, mit Weltcup-Titelverteidigerin Tanja Zakelj kollidiert und gestürzt. Das hatte sie offenbar schwer aus dem Konzept gebracht, denn nachdem sie sich in der zweiten Runde bereits wieder auf Rang neun nach vorne gearbeitet hatte, stürzte sie in Runde drei in einem Stein-Absatz noch einmal und prallte heftig auf.

Bresset klagte über Schmerzen am Becken und dass sie keinen richtigen Druck mehr aufs Pedal bringen konnte. So gab sie das Rennen wegen der Schmerzen auf.

Markus Schulte-Lünzum (Focus Pro XC) konnte sich in Cairns, von Prellungen abgesehen, halbwegs unversehrt in den Flieger setzen. Nach dem Sturz auf der Startgerade war das nicht unbedingt zu erwarten. „Erst mal hat schon alles weh getan“, bekannte Schulte-Lünzum.
Wie es zu dem Sturz kam? „Keine Ahnung. Ich hatte das Gefühl, dass mir jemand von hinten in den Sattel geflogen ist“, erklärte Schulte-Lünzum.

Die TV-Bilder legen nahe, dass ein Fahrer an der Bande hängen blieb und den Sturz ausgelöst hat, in dem unter anderen auch Schulte-Lünzums Teamkollege Shlomi Haimy und BMC-Fahrer Stephen Ettinger (noch 12. geworden) verwickelt waren.

Bei Schulte-Lünzum brach der Sattel und ein Laufrad ging kaputt. „Ich wollte erst alles zusammen sammeln, bis ich gemerkt habe, ich muss ja schnell über die Brücke, wo sich Start-Loop und normale Strecke trennen, bevor das Feld wieder kommt“, erzählte er. „Ich wusste ja, wenn ich bis zur 80-Prozent-Regel durchfahre, dann bekomme ich auf jeden Fall Punkte.“
Die ersten zwei Weltcup-Rennen hatte sich der West-Münsterländer natürlich ganz anders vorgestellt. Die nackten Zahlen: Rang 33 und 48.

Alexandra Engen (Ghost Factory Racing) fehlte in den vorderen Reihen. Zumindest nach der ersten Runde. Kaum war sie an der ersten Tech-Zone vorbei gefahren, erlitt sie in den Wellen bei Start-Ziel einen Reifen-Defekt.

Die rund drei Kilometer bis zur nächsten Wechsel-Möglichkeit machten alle Hoffnungen zunichte. Wie man die fröhliche Schwedin kennt, kompensierte sie ihre Enttäuschung mit Humor. Sie spazierte mit ihrem Rad fröhlich weiter, unterhielt sich dabei auch mal mit Zuschauern und wurde von einem mit einem Mückenspray versorgt.

„Schade für die Gesamtwertung, aber das gehört zum Sport dazu. Kann man nichts machen“, meinte sie im Ziel, wo sie – längst von der 80-Prozent-Regel aus dem Rennen genommen – auf ihre Teamkolleginnen Leumann und Osl wartete.

Katrin Leumann (Ghost Factory Racing) war mit ihrem Rennen zufrieden. Durch „gut Zureden“ habe sie eine Krise nach Hälfte der Distanz überstanden und ansonsten sei sie einfach ihren „Rhythmus“ gefahren. „Ich habe mich gar nicht so um die anderen gekümmert“, erzählt sie von ihrer Strategie.

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Katrin Leumann: Gut zureden hilft ©Marius Maasewerd/EGO-Promotion

Einen Platz vor ihr kam Kathrin Stirnemann ins Ziel. Die Haibike-Fahrerin war schlicht „happy“ über ihr bestes Karriere-Resultat. „Ich habe nie überdreht und am Schluss sogar noch Reserven gehabt“, strahlte Stirnemann. Tanja Zakelj (Unior Tools) hatte offenbar auch noch was im Tank, sonst hätte es noch aufs Podium gereicht. Dort stand Kathrin Stirnemann aber trotzdem. Das Sabine Spitz-Haibike Team gewann mit Teamchefin Spitz (4.) und Adelheid Morath (12.) die Team-Wertung.

Schweizer Loch. Kathrin Stirnemann trägt auch noch zu einer anderen Geschichte bei. Im alpinen Skisport werden Streckenteile manchmal nach bestimmten Sportlern oder auch Nationen benannt. Wenn zum Beispiel mehrere Abfahrer an einer Stelle von der Strecke fliegen. So gibt es bei der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen ein „Canadian Corner“.
Analog dazu liegt der Vorschlag auf dem Tisch eine Stelle in der Startrunde von Cairns als „Schweizer Loch“ zu definieren. Warum?

Am Samstag stürzte Matthias Stirnemann (Stöckli Pro) beim Abfahren der Startloop in einem Matschloch. Das Vorderrad versank einfach im Schlamm und der Eidgenosse flog in hohem Bogen mit dem Rücken gegen einen Baum. Sieben Stunden Krankenhaus kostete das – immerhin mit dem Ergebnis, dass nix gebrochen ist. Aber ein Start war nicht möglich und Stirnemann trat die Heimreise mit zwei Krücken an. Gute Besserung von dieser Stelle.

Seine Schwester Kathrin kam glimpflicher davon, als sie in der Startrunde des Damen-Rennens, an vierter Stelle fahrend, genau ins gleiche Loch rein fuhr. Sie konnte sich gleich wieder aufrappeln und die Familien-Fahne hoch halten (siehe oben).
Zuletzt erwischte es mit Nicola Rohrbach (Goldwurstpower.ch) noch einen Schweizer. Rohrbach hatte sich an die führende Position gesetzt, als auch bei ihm das Vorderrad einfach im Matsch stecken blieb. Rohrbach machte auch einen Abgang, verlor aber nicht all zu viel Zeit und wurde noch als 26. notiert.

Es kann natürlich sein, dass das „Schweizer Loch“ nächstes Jahr gar nicht mehr existiert, denn die Australier behaupten, dass die Regenfälle vom Donnerstag und Freitag in ihrer Intensität ganz und gar ungewöhnlich wären.