Weltcup Lenzerheide Nachgedreht: Ein Novum und seine Verlierer

FOTO | Dieser Sturz bringt Pauline Ferrand Prevot um eine bessere Platzierung. Linda Indergand kann den Crash gerade noch vermeiden, hat aber  schon einen hinter sich ©Erhard Goller

Sieben und acht. Oder doch sechs und sieben? Sattel und Erholung, Nagel und Hammer, Kopf oder Körper. Oder beides. 20 Jahre Warten auf der Insel ist vorbei. Auf die Gosch fliegen und wieder aufstehen. Ein Aufprall auf dem Kopf. Ein Loch im Knie und eine alternative Linie mit Folgen. Und was sonst hier noch nicht geschrieben stand: Aus Lenzerheide Nachgedreht.

 

Ein Weltcup-Novum gab es in der Damen-Konkurrenz. Während das Rennen lief wurde die Zahl der zu fahrenden Runden von sieben auf sechs verringert. Auch Leute wie Thomas Frischknecht, der ja die komplette Weltcup-Geschichte erlebt hat, konnten sich nicht erinnern, dass es das jemals zuvor gegeben hat. Sieben Runden für die Damen, acht für die Herren festzulegen war schon, nun ja, mutig.

Die Runde war ja um eine technisch anspruchsvolle Passage verlängert worden. Das machte bei den Damen effektiv zwischen eineinhalb und zwei Minuten zusätzlich pro Runde aus und die Siegerzeit 2016 hatte 1:29:53 betragen. Jedenfalls wurde nach zwei Runden entschieden, dass eine Runde weniger gefahren wird.

Helen Grobert (Cannondale Factory Racing) mag es bedauert haben, kam sie doch der Spitze immer näher und hatte im Ziel nur noch fünf Sekunden Rückstand auf Rang vier (Jolanda Neff). So war sie gewissermaßen eine Verliererin dieser Entscheidung und noch mehr ein Tscheche bei den Herren.

Jaroslav Kulhavy (Specialized Racing) hätte das Herren-Rennen bei acht Umdrehungen wohl gewonnen. Zumindest schätzte das auch Nino Schurter (Scott-Sram) so ein und die Aufholjagd des

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Diese drei Herren waren schneller als Nino Schurter: Max Brandl, Martins Blums und Nadir Colledani ©Erhard Goller

Tschechen spricht dafür. Ab Runde drei war er 45 Sekunden schneller als der Schweizer.

So aber blieben beide Rennen knapp unter 1:30 Stunden. Die besten drei U23-Fahrer, die auch sieben Runden drehten, waren übrigens schneller als Schurter, Kulhavy und Co. Das war aber sicherlich in erster Linie dem Regen geschuldet, der während des Damen-Rennen einsetzte und die Streckenbeschaffenheit für die Herren veränderte.

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Mathias Flückiger (Radon Factory Racing) konnte seine starke Vorstellung von Andorra (2.) nicht wiederholen. Zwar lag er nach zwei Runden noch an dritter Stelle, 15 Sekunden hinter Schurter und van der Poel und bis zur fünften von sieben Runden als Fünfter auch noch auf Podiums-Kurs, doch dann musste er sich noch bis Platz 15 durchreichen lassen.

Einen Grund fand er im Sattel, der sich verschoben hatte, als einen zweiten nannte er aber auch, dass „Erholung und Vorbereitung“ nicht optimal von statten gegangen seien.

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Auch Florian Vogel (Focus XC), in Andorra noch Fünfter, war beim Heim-Weltcup nicht in der Lage dagegen zu halten. „Einer solcher Tage, an denen du nicht der Hammer, sondern der Nagel bist“, twitterte Vogel zu Rang 23. Überhaupt: Auf heimischem Terrain war außer der Konstante Nino Schurter kein zweiter Eidgenosse in den Top-Ten.

Der Zweitbeste war Lukas Flückiger (BMC Racing), der zwar den gleichen zwölften Platz belegte wie eine Woche zuvor, dennoch einen kleinen Schritt nach vorne registrierte. Zumal er zwischenzeitlich sogar die Podiums-Ränge in Sicht hatte. „Das hätte es heute auch werden können“, meinte er im Ziel. Warum der ansonsten so starke Finisher hinten raus nicht mehr mithalten konnte? „Gute Frage“, sagte Flückiger und zuckte mit den Schultern.

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Lange in Podiums-Reichweite: Lukas Flückiger ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

 

Anton Cooper (Trek Factory Racing) war einer der Sportler, die sich nach Andorra einen Infekt geholt haben. Bzw. im Flieger von dort in die Schweiz. „Es hilft nicht, wenn der neben dir hustet und der hinter dir schnieft“, stellte er fest.

Der Neuseeländer war noch am Vortag „zu 90 Prozent sicher“, dass er gar nicht starten würde. Am Sonntag fühlte er sich dann ein wenig besser und versuchte es einfach. Mit Platz 16 ging das dann weit besser als man erwarten konnte. So bleibt Cooper als Gesamt-Siebter auch noch in Schlagdistanz zum Podium.

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Bei Moritz Milatz (Kreidler Werksteam) passen die Trainingsleistungen und Werte aktuell überhaupt nicht zusammen. Er fühlt sich gut, doch im Rennen fehlt der entsprechende Output. Er gab in Lenzerheide in der dritten Runde an 89. Stelle liegend auf. „Zu wenig in den Beinen, zu viel im Kopf“, war sein knapper Kommentar.

Das mit den Beinen ist ein kleines Rätsel, das mit dem Kopf hat wohl mit der Bachelor-Arbeit zu tun, die er am morgigen Dienstag präsentieren muss. Vielleicht hängt ja aber beides auch miteinander zusammen.

Oder sagen wir so: es ist ja nichts Neues, dass Kopf und Körper, respektive Beine, untrennbar zusammenhängen. Gut möglich, dass in knapp zwei Wochen bei der Deutschen Meisterschaft in Bad Salzdetfurth ein ganz anderer Moritz Milatz am Start steht.

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Sascha Weber (Craft-Rocky Mountain) hatte eine beträchtliche Ansammlung von Dreck am Trikot mit ins Ziel gebracht. Er drückte sich erst mal drastisch aus. „Die ersten zwei Runden waren bescheuert. Ich glaub’, ich bin zehn Mal auf die Gosch gefloga“, sagte er im saarländischen O-Ton. „Dann lief es eigentlich ganz gut.“

Er machte immerhin einen Weg von Position 88 bis auf 64. Damit war er quasi der Belag im deutschen Sandwich, denn 15 Sekunden vor ihm kam Martin Gluth (OMX Pro Team) ins Ziel und 14 Sekunden hinter ihm Christian Pfäffle (Möbel Märki).

Gluth hatte den entgegengesetzten Weg angetreten, denn er lag nach einer Runde an 40. Pfäffle kam von Rang 80. , kam mit der Strecke und den Bedingungen aber nicht wirklich gut zurecht. „Am Berg ging es ganz gut, deshalb kann die Form nicht so schlecht sein“, meinte Pfäffle.

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Annie Last (OMX Pro Team) feierte nicht nur ihren persönlich größten Erfolg, sondern sorgte auch für den ersten britischen Weltcup-Sieg seit Caroline Alexander 1997, die damals im Team Ritchey fuhr. In St. Wendel gelang Alexander ihr einziger Weltcup-Erfolg.

Kollege Rob Jones hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass vor 20 Jahren auch schon eine gewisse Gunn-Rita Dahle und eine Dame namens Sabine Spitz in der Ergebnisliste auftauchen. Und zwar auf den Plätzen 17 und 24.

Wenn wir schon dabei sind in alten Resultaten zu kramen: Die Siegerzeit von Caroline Alexander war damals 2:12:38 Stunden, Dahle war 2:24:09 unterwegs und Spitz mit 2:29:12 nahezu zweieinhalb Stunden.

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Wie Anton Cooper versuchte auch Weltmeisterin Annika Langvad trotz Krankheit ihr Glück. Doch es war der Specialized-Fahrerin rasch klar, dass der Versuch scheitern würde. Nach einer Runde beendete sie das Rennen. Die Dänin hat möglicherweise den Infekt von Teamkollege Jaroslav Kulavy „geerbt“, der ja in Andorra hatte verzichten müssen. „Völlig leer“ sei sie gewesen, so Langvad.

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Linda Indergand (Focus XC) landete zum ersten Mal in dieser Saison nicht auf dem Podium. Rang neun war allerdings noch ziemlich gut, wenn man bedenkt, wie heftig sie in Runde drei gestürzt war. In der neuen Sektion fiel sie seitlich von einem großen Felsen herunter und schlug mit dem Kopf auf.

Im Ziel wirkte sie dann auch ziemlich angeschlagen, fast benommen und noch gar nicht in der Lage das Rennen einzuordnen.

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Pauline Ferrand Prevot (Canyon-Sram) war auf einem guten Weg ihr erstes Top-Ten-Resultat in dieser Saison einzufahren. In Runde 4 lag sie an zehnter Stelle, mit ihr waren zu diesem Zeitpunkt Helen Grobert und Linda Indergand unterwegs. Da rutschte die Französin mit dem Vorderrad an einer Wurzel weg und stürzte.

Nicht allzu schlimm eigentlich, doch sie demolierte dabei die Bremse und das Laufrad. Damit war dann nicht mehr möglich als Platz 19. „Enttäuscht“ sei sie, schreibt sie auf ihrem Instagram-Account, aber die Form würde so langsam zurückkommen. „Ich habe immer noch genügend Chancen.“

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Nadine Rieder (AMG-Rotwild) lag bis zur vierten von sechs Runden auf Rang 38 eigentlich gar nicht schlecht, als sie in der ersten Abfahrt nach dem Teer-Anstieg in der A-Linie „blöd weg rutscht“ und über den Lenker fliegt. „Wahrscheinlich mit dem Knie direkt auf einem Stein“, berichtet Rieder. Das Loch sei jedenfalls so tief gewesen, dass man bis zur Kniescheibe durchsehen konnte und der Schleimbeutel war freigelegt.

„Zum Glück wurde ich gleich gut verarztet und alles wurde gereinigt“, erzählt Rieder. Im Hospital wurde dann das Knie nochmal durchgespült und eine Drainage gelegt, bevor es genäht wurde. „Die Nacht war sehr schmerzhaft“, so die Allgäuerin am Montag. „An Training ist diese Woche nicht zu denken.“

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Niklas Schehl (Team Bulls) hat in der Ergebnisliste der U23 ein DNF vermerkt. Er wurde durch den Sturz in der Startphase erst mal ausgebremst, konnte sich aber trotzdem noch im Verlauf der ersten Runde bis in die Region um 50 nach vorne fahren.

Auf dem letzten Trail vor der Zieldurchfahrt stürzte Schehl weil er aufgrund eines Fahrers vor ihm auf eine alternative Linie auswich. „Das Ergebnis war, dass man Lenker verbogen war, die Steckachse vorne kaputt war und ich mir kleinere Verletzungen am Knie und am Rücken zugezogen habe. Dadurch hatte ich auch Schmerzen beim Atmen“, berichtet Schehl.

Nach dem Stopp in der Tech-Zone etwa an Position 100 wieder. „Danach habe ich einfach keinen Rhythmus und auch die Motivation nicht mehr gefunden und bin ausgestiegen“, so Schehl, der den Andorra-Weltcup auf Platz 53 beendet hatte. „Es ist erst mein zweites DNF, aber solche Tage kommen in diesem Sport leider vor.“