WM Hafjell: Absalon vor einem Paradigmenwechsel?

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In Méribel ein Duell zwischen Fully und Hardtail: Manuel Fumic contra Julien Absalon ©Marius Maasewerd/EGO-Promotion

Sie ist wieder da, seit zwei Wochen wieder heiß diskutiert, die Gretchen-Frage: Fully oder Hardtail? Und zwar ganz konkret am Samstag bei der Weltmeisterschaft in Hafjell. Mit ausgelöst von den letzten beiden Weltcup-Rennen und vor allem weil der erfolgreichste Mountainbiker aller Zeiten ins Grübeln gekommen scheint.

Es mag gut zwölf Jahre her sein, als die Fahrer im Weltcup intensiver zu diskutieren begann, ob ein Fully, also ein vorne und hinten gefedertes Bike gegenüber dem Hardtail, dem nur vorne gefederten Bike eine Option wäre. Dann kam die Debatte über 26 oder 29 Zoll und schließlich 27,5 Zoll. Die scheint zumindest zu Ungunsten der ursprünglichen 26-Zoll-Modelle entschieden.

Vor der Weltmeisterschaft flammt jedoch erneut die ältere Frage auf: Fully or not Fully. Nach dem Weltcup in Windham bekannte Julien Absalon bergab mit seinem Hardtail nicht konkurrenzfähig gewesen zu sein. Und in Méribel war er es in den langen technischen Passagen auch nicht, wenn man mal beiseite lässt, dass er wegen der Gesamtwertung nicht das volle Risiko gegangen ist.

Absalon ist ein eingefleischter Hardtail-Fahrer. Noch nie hat er in einem wichtigen Rennen ein Fully benutzt. 2007, beim Weltcup-Finale in Méribel, als er bereits als Gesamtsieger feststand, da testete er im Training das Orbea-Fully Oiz – um im Rennen dann doch das wieder Hardtail zu fahren. Nur beim Roc d’azur, ein paar Wochen später, saß er im Sattel des Oiz, das war’s dann.

Gewicht, Körperspannung, Komfort, Traktion…
Warum eigentlich? Neben dem höheren Gewicht, das immer das Hauptargument war und ist, nennt der 29-fache Weltcup-Sieger noch einen anderen Grund: „Ich gehe am Berg sehr oft aus dem Sattel. Ich muss dann meinen Fahrstil ändern.”
Die Energie, die da in der Federung verschwindet, verringert den Gewinn, der dadurch entsteht, dass man über Wurzeln und Steine andere Linien fahren, bessere Kontrolle hat und an manchen Stellen überhaupt erst weiter treten kann, weil im Gegensatz zum Hardtail die Traktion da ist.

„Wenn er mit einem Fully fährt wird er vermutlich automatisch weniger aus dem Sattel gehen, weil er den Effekt sofort spürt“, meint Absalons BMC-Teamkollege Lukas Flückiger, für den das BMC-Fully Fourstroke in Hafjell „erste Priorität“ besitzt.
Doch auch der Schweizer wird das Hardtail vor Ort haben und will sich erst endgültig entscheiden, wenn er auf der Strecke war.
Auf dem holprige Gelände am alpinen Skihang in Hafjell bringt das Full-Suspension auch Vorteile. „Du merkst das spätestens nach der Hälfte des Rennens, weil Du weniger Körperspannung halten musst“, erklärt Lukas Flückiger. Der Komfort ist höher, die Gesamt-Ermüdung ist also geringer.

Fumic wechselt im Galopp – mit Erfolg
Auch Manuel Fumic hat in Méribel beim letzten Rennen vor der WM das Cannondale-Fully Scalpel aus dem Truck geholt. Quasi im Galopp die Pferde, respektive das Bike zu wechseln, das bei einem so wichtigen Rennen für ihn und das Team – es ging um den Platz auf dem Gesamt-Podium – zu tun, das war durchaus mit Risiko verbunden.
„Ich habe schon was zu hören bekommen, als ich mich dafür entschied. Aber unser Mechaniker Giacomo hat die Einstellungen so gut auf mich zugeschnitten, dass ich mich damit wohl gefühlt habe“, erklärt Fumic. Nun, es ging gut, sehr gut sogar, wie der dritte Rang belegt.

Er berichtet von extrem vielen Reaktionen auf den Einsatz des Scalpel, auch weil er sich im direkten Duell gegen Hardtail-Fahrer Absalon befand. „Da haben die Leute die Unterschiede genau verfolgen können“, so Fumic.

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Nino Schurter und sein Spark-Fully in Méribel. In Hafjell dann in schwarz-rot und weiß. ©Armin M. Küstenbrück/EGO-Promotion

Er verweist im übrigen auch auf den Umstand, dass ihn letztes Jahr beim Weltcup-Finale in Hafjell Nino Schurter und Jaroslav Kulhavy (Specialized Racing) auf Fullys geschlagen hätten.
Während Kulhavy ein grundsätzlicher Fully-Fahrer ist, variiert Titelverteidiger Schurter sein Arbeitsgerät. Von Scott hat er für die WM in Norwegen ein Fully (Spark) und ein Hardtail (Scale) mit einem rot-schwarzen „Viking“-Branding zur Verfügung gestellt bekommen.

Absalon hat getestet und…
Dass die Diskussion neu aufgetaucht ist, das mag mit dem geringer gewordenen Gewichts-Unterschied (gegenüber zehn Jahren zuvor) zu tun haben, vielleicht auch mit den anspruchsvolleren Strecken und womöglich auch der gestiegenen Leistungsdichte. Die Athleten überlegen sich im Spitzenbereich schon sehr genau, bzw. sind dazu gezwungen, ob sie aufgrund einer bestimmten Vorliebe einen Prozentpunkt verschenken sollen oder wollen.

Auch der bisherige – pardon – “Hardtail-Fetischist“ Julien Absalon. „Ich habe das Fully getestet und ich fühle mich wohl darauf. Es ist für die WM eine Option“, sagt Absalon. Ob er tatsächlich den Paradigmen-Wechsel vollzieht – siehe Maribor – das wird man dann am Samstag sehen können.
Auch mit dem Umstieg von 26 auf 29 Zoll hat er lange gezögert und dann festgestellt, dass er in fahrtechnischen Passagen wieder näher an Nino Schurter heran gerückt ist. Ob er

Fully-Siege bei der WM: Bisher nur von einer Marke
Was man vielleicht auch nicht vergessen sollte: Nur dreimal wurde bei den Herren eine WM auf einem Fully gewonnen, wie der französische Kollege Fred Machabert nachgeprüft hat. Von Filip Meirhaeghe 2003 (vielleicht auch mit einem verlängerten Federweg in den Blutbahnen), 2008 von Christoph Sauser, der wohl ungern einem Atemzug mit seinem Vorgänger genannt wird und von dessen Cape-Epic-Partner aus dem vergangenen Jahr, Jaroslav Kulhavy. Zufällig oder nicht: alle drei auf (verschiedenen Versionen) des Specialized Epic unterwegs.
Nun, vielleicht gibt es am Samstag ja einen vierten Fully-Fahrer und diesmal mit einer anderen Marke.

Und das andere Geschlecht fährt…
Übrigens: Während bei den Herren in Méribel also nur Platz zwei (Absalon) und fünf (Kerschbaumer) mit Hardtail-Pedaleuren besetzt war, bei den Damen sah das ganz anders aus: Das Podium in Méribel ausschließlich von Hardtail-Fahrerinnen besetzt! Kann sein, dass die Diskussion im Lager der Frauen ganz anders geführt wird. Nächstes Thema…